Was einst zu den beliebtesten Attraktionen Berlins gehörte, ist heute nur noch ein Schatten seiner selbst. Vom ehemals beliebten Erlebnisbad bis hin zu einem der erfolgreichsten Vergnügungsparks der Stadt – zahlreiche Orte, die früher voller Leben waren, sind heute verlassene Lost Places. Während für einige von ihnen die Zukunft ungewiss bleibt, stehen andere vor einem überraschenden Comeback. Dazu gehört auch die legendäre Siemensbahn: Was heute wie eine vergessene Bahnstrecke inmitten dichter Vegetation aussieht, war einst eines der bedeutendsten Verkehrsprojekte der Berliner Industriegeschichte.

Am 18. Dezember 1929 wurde die rund 4,5 Kilometer lange Siemensbahn zwischen Jungfernheide und Gartenfeld eröffnet. Sie sollte Tausende Beschäftigte des Siemens-Konzerns schnell und zuverlässig zu ihren Arbeitsplätzen bringen. Doch seit September 1980 fährt hier kein einziger regulärer Personenzug mehr. Die Natur hat große Teile der Gleisanlagen zurückerobert, während historische Bahnhöfe und Viadukte zunehmend verfielen. Nun steht die denkmalgeschützte Strecke vor einem Comeback: Bis Ende 2029 will die Deutsche Bahn den S-Bahn-Verkehr wieder aufnehmen.
Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte sich Siemensstadt zu einem der wichtigsten Industriestandorte Berlins. Bereits 1924 beschäftigte Siemens dort rund 45.000 Menschen, von denen jedoch nur etwa 2.000 in unmittelbarer Nähe wohnten. Die meisten Beschäftigten mussten täglich aus anderen Teilen der Stadt anreisen, was angesichts der wachsenden Belegschaft zunehmend zu einem Verkehrsproblem wurde. Um die Anbindung seiner Fabriken zu verbessern, entschied sich Siemens 1925 für den Bau einer eigenen Schnellbahnverbindung. Zwischen 1927 und 1929 entstand eine rund 4,5 Kilometer lange Strecke, die vom Bahnhof Jungfernheide über Wernerwerk und Siemensstadt bis nach Gartenfeld führte. Am 18. Dezember 1929 wurde die Siemensbahn schließlich eröffnet. Das Besondere daran war, dass der Industriekonzern den Bau selbst finanzierte, während die Deutsche Reichsbahn den Betrieb übernahm. Zeitweise brachte die Verbindung bis zu 20.000 Arbeiter täglich zu ihren Arbeitsplätzen.
Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Siemensbahn durch Bombenangriffe beschädigt. Auch die anschließenden Demontagen beeinträchtigten den Betrieb erheblich. Obwohl einzelne Abschnitte nach Kriegsende wieder befahren werden konnten, dauerte es bis Dezember 1956, bis die gesamte Strecke erneut zweigleisig zur Verfügung stand. Das endgültige Ende kam im September 1980. Während eines Streiks der Beschäftigten der Deutschen Reichsbahn in West-Berlin wurde der Betrieb auf der Siemensbahn eingestellt. Anders als bei einigen anderen betroffenen Strecken nahm die Bahn ihren Verkehr anschließend nicht wieder auf. Aus einer ursprünglich durch den Streik ausgelösten Unterbrechung wurde ein jahrzehntelanger Stillstand.

Nach 46 Jahren ohne regulären Personenverkehr soll die Siemensbahn nun umfassend reaktiviert werden. Die Deutsche Bahn plant, die denkmalgeschützte Strecke im Rahmen des Infrastrukturprojekts i2030 zu modernisieren und wieder in das Berliner S-Bahn-Netz einzubinden. Dafür müssen nicht nur die Gleise erneuert, sondern auch historische Brücken und Viadukte saniert werden. Hinzu kommen moderne Signaltechnik, neue Weichen und der barrierefreie Ausbau der drei stillgelegten Bahnhöfe Wernerwerk, Siemensstadt und Gartenfeld. Die historischen Stahlkonstruktionen sollen dabei möglichst erhalten und denkmalgerecht instand gesetzt werden.
Nach dem derzeitigen Zeitplan sind erste vorbereitende Arbeiten für Herbst 2026 vorgesehen, während die Hauptbauarbeiten 2027 beginnen sollen. Die Wiederinbetriebnahme ist für Ende 2029 geplant. Anschließend sollen auf der Strecke alle zehn Minuten S-Bahnen verkehren. Ob dieser Termin tatsächlich eingehalten werden kann, hängt allerdings vom weiteren Baufortschritt ab.