Wir halten uns gern für den Mittelpunkt der Welt. Umso bitterer die Erkenntnis: Es gibt ein anderes Berlin in Deutschland. Es liegt rund 357 Kilometer entfernt, irgendwo zwischen Kiel und Lübeck, und hat gerade einmal 520 Einwohner.
Berlin-Seedorf schlägt uns in einer entscheidenden Metrik: Alter

Schon 1215 wurde das Dorf erstmals erwähnt. Unser Berlin taucht erst 1244 in den Urkunden auf, die Schwesterstadt Cölln immerhin 1237. Holstein hat uns also knapp drei Jahrzehnte voraus und gilt deshalb als das älteste Berlin der Welt. Einen Titel wie diesen kann man sich nicht kaufen, nicht einmal mit Hauptstadtgeld.
Woher der Name kommt, ist eine Frage für Namensforscher. Für das große Berlin gilt ein slawischer Ursprung als wahrscheinlich, vermutlich ein Wort für Sumpf. Auch in Ostholstein siedelten im Mittelalter slawische Stämme.
Viele Parallelen, viele Unterschiede

Dass man im Norden weiß, was man dem Namen schuldig ist, zeigt ein Blick auf den Ortsplan. Es gibt einen Potsdamer Platz und eine Potsdamer Straße, einen Kurfürstendamm und ein Unter den Linden, die Uhlandstraße, die Wilmersdorfer Straße und die Heerstraße. Sogar Lichterfelde hat es in die holsteinische Provinz geschafft. Nur mit Hochhäusern darf man am Potsdamer Platz nicht rechnen.
Dort steht seit dem 18. Juni 1964 ein Stein mit dem Berliner Bären und der Aufschrift „BERLIN 357 km berlin“. Zu diesem Zeitpunkt, im Kalten Krieg, war die große Stadt im Südosten noch durch eine Mauer geteilt; das kleine Berlin hat dieses Trend zum Glück ausgelassen.
Wer einmal in Berlin ankommen möchte, ohne auf Baustellen, Touristenschwärme oder Mietspiegel zu stoßen, ist hier richtig. (Für das Feierabendbier empfiehlt sich das Lokal „Berliner Eck“.) Welches Berlin nun das schönste Berlin der Welt ist, sei dahingestellt. Das älteste ist es jedenfalls. Respekt, großer Bruder! Oder kleiner… ?