Wir durchqueren den Yva-Bogen zwischen Hardenbergstraße und Kantstraße, unter dem Stadtbahnviadukt hindurch. Der Name der Passage gilt einer der bedeutendsten Berliner Fotografinnen des 20. Jahrhunderts.
Else Ernestine Neuländer wurde am 26. Januar 1900 in Kreuzberg geboren. Sie war das jüngste von 9 Kindern einer jüdischen Familie. Als sie 12 war, starb der Vater; die Mutter hielt die Familie als Putzmacherin über Wasser.
Nach einer Ausbildung (vermutlich am Lette-Verein) und einem kurzen Praktikum im Filmatelier, wo sie den Umgang mit Licht lernte, eröffnete sie 1925 mit nur 25 Jahren ein eigenes Studio unweit des Kurfürstendamms. Ihr Künstlername: Yva.
Yva: Die Fotografin, die Berlin das Träumen lehrte

Der Erfolg kam schnell. Yva fotografierte Mode, Porträts und Werbung, ihre Bilder erschienen in der „Berliner Illustrirte Zeitung“ und in „Die Dame“. Zeitweise beschäftigte sie 10 Angestellte. Eine Unternehmerin in einer von Männern dominierten Branche.
Ihre Handschrift waren Doppelbelichtungen und Überblendungen, mit denen sie Strümpfe, Hüte und Frauenbeine in schwebende Traumbilder verwandelte. Das Bild „Verfolgung“ (siehe unten links) erinnert an die expressionistischen Filmwelten von Fritz Lang.



Mit der Machtübernahme 1933 begann das Ende. 1934 heiratete Else Neuländer den Kaufmann Alfred Simon, der die kaufmännische Leitung des Ateliers übernahm; im selben Jahr zog das Studio in die Schlüterstraße 45.
Doch der Druck auf jüdische Gewerbetreibende wuchs. 1936 musste sie den Betrieb ihrer Freundin, der Kunsthistorikerin Charlotte Weidler, übertragen, um weiteren Schikanen zu entgehen. In diesem Jahr begann auch ein junger Mann seine Lehre bei ihr: Helmut Newton, der später zum Weltstar der Modefotografie wurde und Yva als prägenden Einfluss würdigte.
Tod und Andenken an Yva

In das Haus in der Schlüterstraße zog die Reichskulturkammer ein. Am 1. Juni 1942 verhaftete die Gestapo Else und Alfred Simon, am 13. Juni wurden beide deportiert, in Richtung Majdanek oder Sobibor. Es gilt als wahrscheinlich, dass sie kurz darauf ermordet wurden; offiziell für tot erklärt wurden sie am 31. Dezember 1944.
Ihr Name stand lange nur als Fußnote in der Biografie ihres berühmten Schülers. Das ändert sich. Wer ihren Spuren folgen will, beginnt am Yva-Bogen und geht zur Schlüterstraße 45, wo seit 2005 Stolpersteine an das Ehepaar erinnern. Dort steht man vor dem Haus, in dem eine Frau ihr Werk verteidigt hat – und vor der Frage, wie viel Berlin verloren hat.