„Früher war alles schöner“ – ein Satz, der besonders beim Blick auf Berlins Architektur vor dem Zweiten Weltkrieg immer wieder fällt. Wo einst prachtvolle Stadtpaläste im Jugendstil das Stadtbild prägten, ist heute vielerorts kaum noch etwas von ihrer einstigen Schönheit übrig geblieben. Doch glücklicherweise fielen nicht alle historischen Bauwerke den Zerstörungen des Krieges vollständig zum Opfer. Zu den wenigen Überlebenden zählt auch das Alte Palais (Kaiser-Wilhelm-Palais), das mitten im Herzen Berlins fast 200 Jahre Geschichte erzählt.

Während das Brandenburger Tor, der Berliner Dom und das wiederaufgebaute Stadtschloss zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt gehören, erhält ein anderes architektonisches Zeugnis der preußischen Vergangenheit deutlich weniger Aufmerksamkeit. Dabei lebte hier einst einer der mächtigsten Männer Europas: Wilhelm I., der erste Deutsche Kaiser. Das Alte Palais, auch Kaiser-Wilhelm-Palais genannt, war über Jahrzehnte sein persönlicher Wohnsitz. Heute erinnert von außen noch vieles an die glanzvolle Vergangenheit, doch hinter den Mauern hat sich das Leben grundlegend verändert.
Die Geschichte des Alten Palais reicht bis ins 17. Jahrhundert zurück, als sich an der heutigen Adresse Unter den Linden 9 noch das sogenannte Schwedtsche Palais befand. Im Jahr 1827 bezog Prinz Wilhelm von Preußen das Anwesen, doch schon bald sollte an seiner Stelle ein deutlich repräsentativerer Wohnsitz entstehen. Zwischen 1834 und 1837 ließ Wilhelm deshalb nach Plänen des Architekten Carl Ferdinand Langhans ein neues Stadtpalais errichten. Der klassizistische Bau beeindruckte mit seiner eleganten Fassade, monumentalen Säulen, kunstvollen Verzierungen und einem repräsentativen Balkon.
Im Inneren erwartete die Bewohner eine prachtvolle Welt aus aufwendig gestalteten Salons, privaten Gemächern und repräsentativen Empfangsräumen. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Augusta lebte Wilhelm hier über Jahrzehnte und hielt auch dann an seinem vertrauten Wohnsitz fest, als er 1861 zum König von Preußen und schließlich 1871 zum ersten Deutschen Kaiser aufstieg. Während das Berliner Stadtschloss vor allem für große Staatszeremonien genutzt wurde, blieb das Alte Palais sein persönlicher Rückzugsort und zugleich ein wichtiger Schauplatz des politischen und gesellschaftlichen Lebens.

Im Jahr 1943 wurde das Alte Palais bei den Luftangriffen auf Berlin schwer getroffen. Das Gebäude brannte im Inneren aus, und die historischen Wohnräume mit ihrer kostbaren Ausstattung wurden weitgehend zerstört. Was über Generationen hinweg als Symbol monarchischer Macht und preußischer Repräsentation gedient hatte, blieb als beschädigtes Bauwerk zurück.
Anders als zahlreiche andere Stadtpalais Berlins verschwand das Alte Palais jedoch nicht vollständig aus dem Stadtbild. Wesentliche Teile seiner Außenmauern überstanden die Zerstörungen. Erst rund zwei Jahrzehnte später, zwischen 1963 und 1964, wurde das Gebäude unter der Leitung des Architekten Fritz Meinhardt wiederaufgebaut. Während die historische Straßenfassade weitgehend nach ihrem ursprünglichen Erscheinungsbild rekonstruiert wurde, entschied man sich im Inneren für eine völlig neue Gestaltung. Anstelle der einstigen kaiserlichen Salons entstanden moderne Räume für den Universitätsbetrieb.
Heute beherbergt das Alte Palais an der Straße Unter den Linden 9 die Juristische Fakultät der Humboldt-Universität zu Berlin. Wo einst Kaiser Wilhelm I. politische Gäste empfing und gemeinsam mit seiner Frau Augusta residierte, besuchen Studierende heute Vorlesungen, beschäftigen sich mit Gesetzestexten und bereiten sich auf ihre juristische Laufbahn vor.