Wer durch die Straßen von Lichterfelde-West spaziert, reibt sich mitunter die Augen. Zwischen gepflegten Gründerzeitvillen tauchen plötzlich Türmchen, Zinnen, Erker und steile Dächer auf, fast so, als hätte jemand ein Märchenbuch aufgeklappt. Das sind die Lilienthal-Burgen.
(Außerdem: Wenn ihr auf die Mischung aus Berliner + Mittelalter steht, solltet ihr unbedingt bei diesem grusligen Spaziergang mit Live-Schauspielern mitmachen. Ein Spaß für Geschichtsbegeisterte und Gruselfans!)
Gustav Lilienthal und die Burgsiedlung in Lichterfelde

Der Architekt hinter den Burgen ist Gustav Lilienthal (1849–1933). Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Otto ging er als Flugpionier in die Geschichte ein. Gustav interessierte sich dagegen für das Leben am Boden. Gemeinsam mit Otto hatte er einst den Anker-Steinbaukasten erfunden, ein Spielzeug, das ganze Generationen von Kindern zum Bauen brachte. Dieses spielerische Denken prägte auch seine Architektur.
Ab den 1890er-Jahren errichtete Lilienthal in Lichterfelde 31 Wohnhäuser. Sie sollten das Gegenteil der engen, dunklen Berliner Mietskaserne sein. Statt gleichförmiger Fassaden setzte er auf Individualität: Jedes Haus ist ein Unikat, mit Türmen, Erkern, Fachwerk, Natursteinsockeln und Dächern in vielen Formen.
Ein Spaziergang mit Staunfaktor

Die Burgen liegen verstreut im Villenviertel rund um Marthastraße, Paulinenstraße und Tietzenweg. Das macht sie zu einem super Ziel für einen Spaziergang. Die Häuser sind in Privatbesitz, besichtigen kann man sie nur von der Straße aus. Viele stehen unter Denkmalschutz.
In Lichterfelde zeigt sich Fantasie, in Tegel Haltung
Lilienthal war Anhänger der Bodenreform und hielt Bodenspekulation für eine Wurzel der Wohnungsnot. Praktisch umsetzen konnte er diese Überzeugung bei der Genossenschaftssiedlung „Freie Scholle“ in Berlin-Tegel. Hier entwarf er schlichte Reihen- und Doppelhäuser mit Gärten für Menschen, die sich sonst kein Wohneigentum hätten leisten können. Später sollte der dortige Flughafen den Namen seines Bruders tragen…
Anreise und Tipps zu den Lilienthalburgern
Am besten fahrt ihr mit der S1 bis Lichterfelde West und lauft von dort los. Der Weg lässt sich gut mit einem Abstecher zum Otto-Lilienthal-Denkmal auf dem Fliegeberg verbinden. So begegnet ihr an einem Tag beiden Brüdern, dem Himmelsstürmer und dem Baumeister.
Die Lilienthal-Burgen zeigen, dass Berlin nicht nur aus Gründerzeit-Fassaden und Plattenbauten besteht. Wer genau hinschaut, entdeckt hier einen Architekten, der Häuser mit Fantasie und Haltung baute.