Architektur und Bau wie aus einer Dystopie: Brutalistisch, abweisend, militärisch – dieser ikonische Lost Place in Berlin wirkt wie ein Raumschiff oder eine geheime Forschungsstation. Spitz zulaufende Wände, massive Betonflächen und auffällige Belüftungsrohre zeugen von einer visuellen Extremität, die man so kein zweites Mal in Berlin findet. Der sogenannte Mäusebunker ist nicht nur ein beeindruckendes Denkmal in der Hauptstadt – auch international hat er Aufmerksamkeit erregt. Grund dafür ist seine markante Architektur, die als herausragendes Beispiel des Spätbrutalismus gilt.
Während ein verwahrlostes Sanatorium außerhalb Berlins aufgrund seines Mysteriums als Kulisse für den Film „Der Pianist“ diente, wird an diesem Ort in Sachen Mysteriösität noch eine Schippe draufgelegt. Eine ganze verbotene Stadt – auch „Klein Moskau“ genannt –, die jahrelang von der Karte getilgt war, kann den Lost-Place-Charme nicht so eindrucksvoll verkörpern wie der Mäusebunker. Wie hier Geschichte, Architektur und Atmosphäre eine unvergleichliche Kombination erschaffen, erzählen wir euch jetzt!

Geheimnisvolle Vergangenheit
Ähnlich wie das ICC Kongresszentrum in Berlin, handelt es sich bei dem Mäusebunker um einen Ort, der unter Denkmahlschutz steht und nicht einfach frei zugänglich ist, außer zu besonderen Veranstaltungen. Zuletzt fand hier das Festival für Urbanes Wohlergehen statt und das Gelände wurde vom 12. – 22 September für Besucher:innen temporär geöffnet. Workshops, Performances, Lesungen, Community-Jogging, Minigolf, Kochaktionen dies alles fand an diesem Ort statt, der kostenlos erkundet werden konnte. Was den Ort neben seiner visuellen Erscheinung so besonders macht, ist seine Geschichte als Hochsicherheitslabor.
Jahrzehntelang wurden hier Tierversuche unter extremen Sicherheitsvorkehrungen durchgeführt – abgeschottet, mit unterirdischen Versorgungssystemen, speziellen Lüftungsanlagen und versiegelten Türen. Die sterile Innenarchitektur erinnert an ein geheimes Bunkerlabor und lange Zeit wusste die Öffentlichkeit kaum, was sich in dem monumentalen Bau überhaupt abspielte. Offiziell bekannt war das Gebäude zunächst als „Zentrale Tierlaboratorien der Freien Universität Berlin“, ab 2003 dann als „Forschungseinrichtung für experimentelle Medizin“ der Charité. Errichtet wurde es zwischen 1971 und 1981 – eine Bauzeit von über zehn Jahren, die nicht zuletzt durch bauliche und gesellschaftliche Kontroversen geprägt war. In den folgenden Jahrzehnten wurde die Einrichtung kontinuierlich genutzt – als eines der größten Tierversuchslabore Europas.
Die Dimensionen sind erschreckend: Erlaubt waren unter anderem die Haltung von bis zu 45.000 Mäusen, 20.000 Ratten, 5.000 Gerbils, 5.000 Hamstern, 1.000 Meerschweinchen sowie weiteren Tieren wie Kaninchen, Schweinen, Schafen, Fröschen und Hühnern. Schätzungen zufolge sollen insgesamt über eine Million Tiere im Verlauf der Jahre im Mäusebunker gehalten und für Versuche verwendet worden sein. Der Tierbetrieb wurde im Sommer 2020 eingestellt, seither steht das Gebäude vollständig leer. Seit Mai 2023 wurder der Mäuserbunker unter Denkmahlschutz gestellt.

Heutige Nutzung und zukünftige Pläne
Der Mäusebunker hat sich von einem abgeschotteten Hochsicherheitslabor zu einem der bedeutendsten Denkmäler der Stadt entwickelt. Mehr als nur ein Lost Place – er ist ein monumentales Kunstwerk aus Beton, ein historischer Ort voller ethischer Brüche und ein Symbol für das Spannungsfeld zwischen Moderne, Verdrängung und Erinnerungskultur.
Fotografinnen, Urban Explorer, Architekturfans und Kunstschaffende reisen aus aller Welt an, um diesen außergewöhnlichen Ort zu entdecken. Im Rahmen des sogenannten „Modellverfahrens Mäusebunker“ werden aktuell Ideen für eine denkmalgerechte Umnutzung gesammelt – etwa als Veranstaltungsort, Kulturraum oder experimentelles Zentrum. Bei der Ausstellung „Suddenly Wonderful“ in der Berlinischen Galerie wurden bereits visionäre Konzepte für die Zukunft von Großbauten der 1970er Jahre präsentiert.
Der Mäusebunker ist nicht nur ein herausragendes Beispiel des Brutalismus auf seinem Höhepunkt, sondern auch ein zutiefst kontroverser Ort – technisch beeindruckend, emotional aufgeladen und voller Zukunftspotenzial. Wer weiß, was daraus noch wird? Schließlich hat es auch eine ehemalige NSA-Abhörstation geschafft, zur größten Open-Air-Street-Art-Galerie Europas und zu einem der außergewöhnlichsten Techno-Tempel Berlins zu werden.