Was einst hoffnungsvoll begann, endete vor 45 Jahren abrupt – seither liegt dieser Ort in gespenstischer Stille da und gilt heute als einer der faszinierendsten Lost Places Berlins. Während außerhalb der Stadt verlassene Sanatorien als Filmkulissen dienen oder ganze Städte wie die „Verbotene Stadt“ zu DDR-Zeiten nicht einmal auf Landkarten verzeichnet waren, gibt es auch innerhalb Berlins eindrucksvolle Relikte vergangener Zeiten zu entdecken. So wurde etwa aus einer ehemaligen NSA-Abhörstation ein gefeierter Techno-Tempel. Doch dieser Ort blieb sich selbst überlassen – eine stillgelegte, denkmalgeschützte Geisterbahn, verlassen und doch frei zugänglich. Welche Geschichte sich dahinter verbirgt und warum sich ein Besuch lohnt, erfahrt ihr hier.

Berlins vergessene Hochbahn auf Stahl
Ab Ende der 1890er-Jahre wuchs die Siemensstadt nördlich der Spree rasant: Eine Art Betriebsgemeinde mit Wohnanlagen, Industrie und eigener Infrastruktur entstand. Um die täglich steigende Zahl an Mitarbeiter:innen – 1925 waren es rund 55.000, spätere Schätzungen reichen bis zu 90.000 – effizient zur Arbeit zu befördern, wurde der Bau einer eigenen Bahnlinie beschlossen.
Zwischen 1927 und 1929 entstand in Zusammenarbeit von Siemens und der Deutschen Reichsbahn die 4,5 km lange Siemensbahn – eine Hochbahn auf Stahlviadukten im Stil der späten Weimarer Moderne. Die Bahnhöfe Wernerwerk, Siemensstadt und Gartenfeld waren farblich markiert (Grün, Blau, Rot, Gelb) und inmitten der Fabriklandschaft angelegt. Die Strecke führte elektrisch betrieben über die Spree bis nach Gartenfeld, mit Doppelgleis, Stromschiene und einem beeindruckenden 5-Minuten-Takt. Mehr als 17.000 Beschäftigte nutzten die Bahn täglich – manche Quellen sprechen sogar von bis zu 35.000.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Brücke über die Spree zerstört, aber durch eine hölzerne Konstruktion der sowjetischen Besatzung ersetzt. Bereits ab 1945 wurde der Betrieb eingeschränkt wieder aufgenommen. Doch mit dem S-Bahn-Boykott in West-Berlin ab 1960 begannen monatelange Streiks und ein starker Rückgang der Fahrgastzahlen. Im September 1980 kam es schließlich zum endgültigen Einschnitt: Nach einem weiteren Bahnstreik stellte die Deutsche Reichsbahn den Betrieb der Siemensbahn ein – und reaktivierte sie bis heute nicht.

Zwischen Verfall und Vision – was aus der Siemensbahn werden soll
Heute gilt die Siemensbahn als weit mehr als nur eine denkmalgeschützte Geisterbahn: Sie ist ein Zeugnis industrieller Expansion, urbaner Geschichte und visionärer Mobilität. Die Bahnhöfe Wernerwerk, Siemensstadt und Gartenfeld sowie ein altes Stellwerk sind heute verfallen und von der Natur überwuchert. Seit 1995 steht die Strecke als technisches Ensemble der Berliner Infrastruktur unter Schutz – eine echte Geisterbahn mit historischem Wert.
Und es wäre tatsächlich zu schade, wenn es keine Pläne für eine Wiederbelebung gäbe: Im Rahmen des i2030-Projekts ist eine Reaktivierung der Siemensbahn vorgesehen – angestrebt bis Herbst 2029. Geplant ist unter anderem eine Anbindung an ein neues Siemens-Forschungszentrum sowie an neu entstehende Wohngebiete im Norden Berlins.
Denkmalgeschützte Geisterbahn – Betreten auf eigene Gefahr!
Die ehemaligen Bahnhöfe Wernerwerk, Siemensstadt und Gartenfeld sind zwar leicht zugänglich, da viele Zäune niedergerissen oder beschädigt sind – dennoch gilt: Wer über die Absperrungen klettert oder springt, tut dies auf eigenes Risiko. Auch das alte Stellwerk lässt sich durch zerstörte Türen oder Fenster betreten. Doch Vorsicht: Die Bahnhöfe, Brücken und Gebäude sind nicht gesichert und teils stark verfallen. Achtet unbedingt auf wackelige Strukturen und mögliche Umweltrisiken. Empfehlenswert ist ein Besuch tagsüber – nicht nur aus Sicherheitsgründen, sondern auch, weil sich die Ruinen bei Tageslicht besser erkunden und fotografieren lassen.