Wetterforscher Richard Aßmann hat ein Problem: Seine unbemannten Messballons liefern verblüffende Daten: Oberhalb von ca. 10 km scheint die Temperatur nicht weiter zu fallen, sondern zu steigen. Wie kann das sein?
Aßmann traut den Zahlen nicht, immerhin könnte die Sonne die Instrumente aufgeheizt haben. Wenn es nur ein Mensch nachmessen könnte. Doch noch kein Mensch ist jemals so hoch gestiegen.
(Geheimtipp: Auch ihr könnt mitten in Berlin Heißluftballon fliegen!)
Die Entdeckung der Stratosphäre: Der Flug der Preussen

Aßmann heuert zwei Männer an, die ihm den Beweis erbringen sollen: seinen Mitarbeiter Arthur Berson und Reinhard Süring vom Königlich Preußischen Meteorologischen Institut. Ihr Vehikel, der Heißluftballon „Preussen“, fasst 8.400 Kubikmeter, und hat einen Durchmesser von 25 Metern.
Sie wissen, was auf dem Spiel steht. Sie wissen, was 16 Jahre zuvor passiert war: Die Tragödie der Zénith in Frankreich. Bei einem Höhenrekordversuch stiegen drei Männer auf über 8.600 Meter Höhe. Nur einer kehrte lebendig auf die Erde zurück. Tod durch Sauerstoffmangel. Egal was passiert, Süring und Berson dürfen auf keinen Fall das Bewusstsein verlieren.
Die Mission beginnt

Am 31. Juli 1901 um kurz vor 11 Uhr löst sich der gewaltige Gasballon vom Boden des Tempelhofer Felds. Die ersten Höhenkilometer laufen wie geplant. Ab 6.000 Metern atmen die beiden Sauerstoff aus Flaschen. 7.500 Meter. 8.000 Meter. Sie befinden sich in der Todeszone, in der die Luft zu dünn ist, um den Körper mit ausreichend Sauerstoff zu versorgen.
Um 14:45 Uhr zeigt das Thermometer in 9.000 Metern -30 Grad. Bis hierhin ist es für Arthur Berson bekanntes Gebiet. Er hatte 1894 mit 9.155 Metern einen Weltrekord aufgestellt. Aber jetzt stoßen die Männer in nie dagewesene Höhen vor.
Auf 10.500 Metern lässt Berson noch den Luftdruck ab, kurz darauf verliert Süring das Bewusstsein. Berson reißt das Ventil auf, um den Ballon sinken zu lassen, dann fällt auch er in Ohnmacht.
Wiederholt sich die Tragödie der Zénith?

Erst nach etwa 4.800 Metern Sinkflug kommen beide wieder zu sich. Sie bemerken, dass der Ballon zwischenzeitlich noch weiter gestiegen war, auf geschätzte 10.800 Meter – ein Weltrekord, aufgestellt von zwei Bewusstlosen.
Um 18.25 Uhr, nach 7 Stunden und 36 Minuten, setzt die „Preussen“ sanft auf einem abgeernteten Feld auf. Wo genau sie gelandet sind, wissen die beiden zunächst nicht. Man klärt sie auf, dass sie sich bei Briesen im Kreis Cottbus befinden.
Mission erfolgreich!

Sie bringen ihre Werte zu Aßmann. (Bild oben: Aßmann und Berson) Die Messungen deckten sich mit denen der unbemannten Ballons. Jetzt gibt es keine Zweifel mehr: Die Atmosphäre ist kein gleichförmiger Luftmantel, sondern geschichtet.
Im Frühjahr 1902 macht Aßmann in Berlin (in Absprache mit dem Franzosen Léon Teisserenc de Bort) die Ergebnisse bekannt: Über der wetterbewegten unteren Luftschicht liegt eine zweite, in der die Temperatur nicht weiter sinkt.
Teisserenc de Bort nennt die untere Schicht Troposphäre, die obere Stratosphäre. Ein britischer Fachmann bezeichnet die Entdeckung später als die überraschendste der gesamten Meteorologie-Geschichte.
Was bedeutet die Entdeckung der Stratosphäre?
In der Troposphäre unten spielt sich das gesamte Wetter ab, darüber beginnt die ruhige, wolkenarme Stratosphäre. In ihr liegt die Ozonschicht, die den größten Teil der UV-Strahlung der Sonne abfängt; ihre Rolle erkannte man erst Jahrzehnte später.
Heute reisen Verkehrsflugzeuge meist in 10–12 km Höhe, an der Grenze zur Stratosphäre, wo die Luft dünn und ruhig ist (ungefähr dort, wo Berson und Süring das Bewusstsein verloren).