Berlin hat unzählige Orte, an denen Geschichte spürbar wird: von Schlössern über falsche Ruinen und echte Ruinen bis zur immer präsenten Mauer. Aber auch im Grünen steckt ein Stück Vergangenheit, und das wächst, blüht und wird bis heute verkauft: Die Späth’schen Baumschulen.
Diese Namenskombi dürfte vielen von euch bekannt vorkommen. Von der Späthstraße, von der S-Bahn-Station Baumschulenweg, oder vielleicht seid ihr selbst schon einmal mit Balkonpflanzen im Kofferraum dort weggefahren.
Aber wusstet ihr, dass hier seit über 300 Jahren in Berlin gärtnert wird und dass die Baumschule um 1900 die größte der Welt war? Kleiner Tipp vorab: Wenn ihr euch in der Welt von Bäumen, Blumen und Papier wohlfühlt, warum nicht einen Papermaking-Workshop mit Blumen probieren?
Späth’schen Baumschulen: Berlins ältester produzierender Betrieb

Gegründet wurde das Unternehmen 1720 von Christoph Späth als Gärtnerei vor dem Halleschen Tor. Schon 1730 schaute König Friedrich Wilhelm I. dort vorbei, plauderte mit dem Gärtner und zog eigenhändig Möhren aus den Beeten.
Späths Sohn Carl verlegte den Betrieb 1760 an die Köpenicker Straße. 1864 folgte der Umzug an den heutigen Standort in Baumschulenweg in Neukölln. Dort baute Franz Späth die Gärtnerei zu einem Giganten aus. Er ließ gepflasterte Zufahrtsstraßen anlegen, was den ganze Ortsteil prägte.
Ein Highlight auf dem Gelände ist das Späth-Arboretum

Franz Späth ließ 1874 ein Herrenhaus errichten (s. Titelbild) und legte 1879 einen Lehrgarten an. 1884 pflanzte Bismarck eine Silberlinde, im Dreikaiserjahr 1888 tat es Moltke ihm gleich. Die „Bismarck-Linde“ gehört zu den Sehenswürdigkeiten des Parks.
Heute gehört das Arboretum der Humboldt-Universität (deren Namensvettern den ältesten Baum Berlins tauften), umfasst rund 1.200 Gehölzarten und beherbergt unter anderem eine Mehlbeere von 1880, den ältesten Baum der Anlage.
Das bewegte 20. Jahrhundert

Um 1900 war die Baumschule die größte der Welt, ihre Bäume und Sträucher wurden in Holzkisten bis nach Übersee verschifft. 1902 ernannte Kaiser Wilhelm II. Franz Späth zum Königlich-Preußischen Landesökonomierat.
1912 übergab Franz den Betrieb an seinen Sohn Hellmut Späth, der die Baumschule weiter ausbaute. Hellmut verfasste das „Späth-Buch“, eine Familienchronik von 1720 bis 1930, und taufte 1936 eine in der Baumschule gezüchtete Rose auf den Namen seiner Tochter Dagmar.
Obwohl er der NSDAP angehörte, wurde er wegen abfälliger Äußerungen über offizielle Stellen verhaftet und 1945 im KZ Sachsenhausen umgebracht. Sein Bild in der Geschichte ist bis heute umstritten. Ein Stolperstein und eine Gedenktafel auf dem Gelände erinnern an ihn.
Wie steht es heute um die Späth’schen Baumschulen?

Nach Hellmuts Tod wurde die Baumschule 1945 enteignet. In der DDR züchtete der Betrieb Sanddorn-Sorten, die als „Zitrone des Ostens“ in den Westen verkauft wurden. Nach der Wende lehnte die Treuhand eine Rückgabe an die Erben zunächst unter Verweis auf Hellmut Späths NS-Vergangenheit ab. 1997 wurde er an eine Späth’sche Erbengemeinschaft reprivatisiert.
Heute kommen Gartenfreunde aus ganz Berlin zum Einkaufen für Beet, Terrasse und Balkon. Es gibt einen Hofladen, ein Hofcafé und jedes Jahr im Advent einen Weihnachtsmarkt. Die Leitung hat ein Trio aus drei Frauen übernommen.
Ganz ungefährdet ist die Zukunft allerdings nicht: Rund um die Baumschule (Späthsfelde) plant der Senat ein neues Wohnquartier. Im Mai 2026 unterschrieben rund 22.000 Menschen eine Petition für den Erhalt der Baumschulen. Anfang Juli teilte die Senatsverwaltung daraufhin mit, dass der bestehende Betrieb planungsrechtlich gesichert werden soll – das Ziel des Wohnungsbaus bliebe aber bestehen.