Berlin in den Goldenen 20ern war ein pulsierender Hexenkessel. Nach den tiefen Traumata des 1. Weltkriegs und inmitten radikaler gesellschaftlicher Umbrüche (der zunehmenden Emanzipation der Frau, dem Aufstieg der Psychoanalyse und einer freizügigen Kabarett-Kultur) explodierte in der Hauptstadt der Lebenshunger.
Man tanzte Charleston auf dem Vulkan, feierte die körperliche Autonomie und die Entkopplung der Sexualität von der reinen Fortpflanzung. Doch dieser rauschhafte Exzess und die neu gewonnene Freiheit der wilden 20er wären ohne eine pragmatische Erfindung nicht möglich gewesen: das zuverlässige Gummi-Kondom.
Julius Fromm und das Markenkondom

Der Mann, der der Welt die freie Liebe erleichterte, war Julius Fromm. 1883 als Kind einer jüdischen Familie im heutigen Polen (damals Russisches Reich) geboren, wuchs er in bescheidenen Verhältnissen auf und lebte später in der Allensteiner Straße im Berliner Prenzlauer Berg.
Es war das Jahr 1912, als der Tüftler in einer Werkstatt in Berlin-Mitte einen schlichten Glaskolben in flüssigen Kautschuk tunkte. Das moderne Kondom war geboren! Mit diesem nahtlosen, hauchdünnen Präservativ löste er die bis dahin groben, vernähten Verhüterli ab. Ab 1916 vertrieb er „Fromms Act“ und schuf das weltweit erste echte Markenkondom.
Vom Schützengraben zum heimischen Fronteinsatz
Den großen Durchbruch in der breiten Masse bescherte der Erfindung der 1. Weltkrieg. Um die Truppen an der Front vor grassierenden Geschlechtskrankheiten wie Syphilis und Tripper zu schützen, wurden Kondome massenhaft an die Soldaten ausgegeben. Als die Überlebenden heimkehrten, brachten sie die Gewohnheit und das Wissen um den Schutz mit in die Zivilgesellschaft.
Das befeuerte maßgeblich die sexuelle Revolution der Zwanzigerjahre. Fromm stieg zum Großindustriellen auf, errichtete in Berlin-Köpenick eine moderne Fabrik und Automaten auf den Kneipentoiletten gehörten bald zum Berliner Standard. „Fromms“ wurde deutschlandweit zum Synonym für das Kondom.
Das Ende eines Traums

Doch sein steiler Aufstieg fand ein jähes Ende. Als jüdischer Unternehmer geriet Fromm ins Visier der Nationalsozialisten. 1938 wurde er durch die sogenannte „Arisierung“ gezwungen, sein Lebenswerk weit unter Wert zu verkaufen. Die Fabrik fiel die Patentante Hermann Görings, eine NS-Profiteurin.
Julius Fromm floh nach London, wo er wenige Tage nach Kriegsende am 12. Mai 1945 verstarb, ohne seine Heimat je wiedergesehen zu haben.
Das Unrecht überdauerte den Krieg: In der DDR wurde die Fabrik in Köpenick enteignet und produzierte fortan als VEB Plastina mit Marken wie „Mondos“ (s. Bild oben). Im Westen verdienten andere Konzerne prächtig an der Marke „Fromms“. Trotz jahrelanger juristischer Kämpfe seines Sohnes erhielt die Familie ihr Unternehmen nie zurück. Es folgte lediglich eine späte finanzielle Entschädigung für das Grundstück.
Wir sagen Danke, Julius!
Heute gedenken wir dem Berliner Pioniers bei jeder sicheren Begegnung. (Oder vielleicht doch lieber danach…) Sein geniales Prinzip ist auch 114 Jahre nach der Entdeckung der Goldstandard der Kondomproduktion geblieben.
Übrigens kann man Kondome der Marke Fromm bis heute erwerben: Unter dem Dach der MAPA GmbH werden weiterhin Präservative mit dem Traditionsnamen „Fromms“ produziert. Man findet sie in Apotheken, Drogerien und online. Eine Erinnerung an einen Mann, der unser Leben ein Stück sicherer und freier machte.