In diesem Bericht sprechen wir über den dreistesten Verbrecher der Geschichte Berlins. Am besten macht ihr euch im Hintergrund den Ocean’s Eleven Soundtrack rein und genießt die absurde Geschichte. Aber Vorsicht: Wenn ihr Lust auf die zwielichtige Welt des Verbrechens bekommt, schaut vielleicht erst mal, ob ihr aus dem Gefängnis auch wieder ausbrechen könntet…
Das perfekte Verbrechen eines Mannes, der nichts zu verlieren hat

Friedrich V. wird schon früh straffällig. Als Jugendlicher büßte er seine erste kurze Haftstrafe wegen Diebstahls ab. Die nächsten Jahrzehnte folgt ein Wechselspiel aus Diebstählen, Urkundenfälschungen und Haftstrafen. Zuletzt, nach 15 Jahren hinter Gittern, findet ein in die Jahre gekommener V. zum ersten Mal einen normalen Job. Er ist glücklich. Doch die Behörden machen ihm einen Strich durch die Rechnung. So muss er mit 57 Jahren und trotz guten Verhaltens erneut alles aufgeben. Von Armut geplagt und ohne echte Chancen schmiedete er einen unglaublichen Plan. Er erzählte seinem neuen Chef und seiner Freundin, er müsse eine Weile ins Ausland – und verschwindet.
Was als nächstes passierte, wird in die True Crime-Geschichte eingehen.
Schritt 1: Eine Bande besorgen
Berlin-Wedding, früher Nachmittag. Eine Gruppe von Soldaten ist auf dem Rückweg zur Kaserne, als ein Militärhauptmann in einer etwas zu großen Uniform sie stoppt. Im harten Befehlston verlangt er, die Männer müssen weitere Soldaten hinzuholen und ihm dann in einer Sache von höchster Wichtigkeit folgen. Leider habe er auf die Schnelle kein Fahrzeug für alle organisieren können. Also alle Mann in die nächste Stadtbahn!
Auf der Fahrt scheint der Hauptmann die verwirrten Militärs beruhigen zu wollen. Bei einem Zwischenstopp gibt er ein Bier aus und trinkt selbst einen Schnaps. Folglich gibt er den Soldaten sogar Geld für ein Mittagessen. Und er verrät den Grund des spontanen Einsatzes: Man werde den Bürgermeister verhaften.
Schritt 2: Ordentlich Tumult machen
Angespannt treffen die Soldaten samt Hauptmann auf der anderen Seite der Stadt ein. Jetzt erfolgen die Befehle in militärischer Präzision: Ihr Zwei besetzt die Kommunikationsposten der Stadt. Es muss um jeden Preis verhindert werden, dass vorzeitig nach Außen kommuniziert wird. Mit den restlichen Männern dringt er ins Innere des Rathauses vor.
Die Schritte der Soldaten hallen auf steinernem Boden. An jedem strategisch wichtigen Punkt werden Soldaten abgestellt, der Trupp verkleinert sich entlang der langen Gänge, bis an der großen Tür des Bürgermeisters nur noch der Hauptmann mit einer Hand voll Soldaten übrig ist. Sie dringen in das Büro ein.
Der Hauptmann lässt den Bürgermeister und seinen Oberstadtsekretär unter Bewachung einsperren. Dann lässt er sich zur Stadtkasse bringen. Umgerechnet 27.000 € in bar sind darin. Ordnungsgemäß lässt sich der Hauptmann einen Beleg ausstellen und beschlagnahmt das Geld. Er unterschreibt mit dem Namen “von Mahlzahn”.

Schritt 3: Für eine Menschenmasse sorgen
Stellt euch vor, ihr sitzt gemütlich bei einem Käffchen am Fenster und seht, wie draußen das Militär im Stechschritt das Rathaus besetzt. Ihr geht auf den Rathausplatz, wo sich schon eine große Menschenmenge gebildet hat. Hier geht gerade etwas Großes vor! Man hat den Bürgermeister verhaftet und die Stadtkasse konfisziert. Ein paar Polizisten regeln das Menschenaufkommen und nehmen Befehle von Hauptmann von Mahlzahn entgegen, der den Spezialeinsatz führt.
Ihr seht, wie der Bürgermeister und ein anderer hoher Beamter abgeführt und weggefahren werden.
Schritt 4: Heimlich verschwinden
Zuletzt befiehlt der Hauptmann seinen Soldaten, im Rathaus zu bleiben. Dann geht er allein und mit der Stadtkasse unterm Arm durch die Menge. Ein paar Minuten passiert nichts und die Menschenmenge zerstreut sich. Aber ihr folgt heimlich dem geheimnisvollen Hauptmann bis zum Bahnhof. Dort seht ihr, wie er auf ex ein Bier trinkt, eine Fahrkarte kauft und mit dem nächsten Zug verschwindet.
(Wohin er fährt, wisst ihr nicht. Aber gleich dem modernen Berliner drängt es ihn wahrscheinlich, sich irgendwo in der Natur zu verstecken…)
Erst später werdet ihr erfahren, was ihr da gerade gesehen habt: Der Hochstapler Friedrich Wilhelm Voigt hat sich mit dem gesamten Geld aus der Köpenicker Stadtkasse davon gemacht! All dies ist kein Aprilscherz, sondern wirklich passiert! Allerdings ist es schon eine Weile her…
True Crime in Köpenick: Ein Schuhmacher gegen das Establishment!

Zehn Tage nach seinem Meisterstück wird Friedrich Wilhelm Voigt von der Polizei geschnappt und vor das Kriminalgericht Moabit in Berlin-Mitte gebraucht. Ein ehemaliger Zellennachbar hatte ihn verraten. Zwar muss er erneut ins Gefängnis, aber die Öffentlichkeit liebt ihn. Sogar Kaiser Wilhelm muss beim Bericht über den spektakulären Raub schmunzeln und entlässt den “Hauptmann von Köpenick” 1908 nach zwei Jahren vorzeitig aus der Haft. Hättet ihr das auch gemacht oder hättet ihr Voigt lieber schmoren lassen?
Im Kaiserreich hatte der Fall derart für Aufsehen gesorgt, dass eine öffentliche Diskussion um die Macht des Militärs entstand. Und im Ausland wurde über die Hörigkeit der Deutschen gegenüber Autoritätspersonen gelacht. Der Vorfall machte Voigt weltberühmt und gab dem Mann, der sich ein ganzes Leben lang durchkämpfen musste, eine zweite Chance.