Kunst und Kultur müssen nicht immer hinter verschlossenen Türen in Museen und Ausstellungsräumen erlebt werden. Klar, gerade erst haben am vergangenen Wochenende 75 Museen ihre Türen für Besucher geöffnet – darunter auch besondere Orte wie das Computerspielemuseum. Spannende Einblicke sind hier garantiert. Doch Berlin schreit geradezu nach Kunst auf den Straßen – und ein wahres Paradies dafür ist ein besonderer Ort, den längst nicht jede kennt. Das Haus Schwarzenberg gehört zu den ungewöhnlichsten Orten in Berlin-Mitte – und gleichzeitig zu jenen, an denen man erstaunlich leicht vorbeilaufen kann.

Hinter einer eher unscheinbaren Hofeinfahrt an der Rosenthaler Straße versteckt sich ein kultureller Mikrokosmos aus Street Art, Ateliers, Museen, einem Independent-Kino, einer Bar und Berliner Subkultur. Wer von der Straße aus durch den Eingang tritt, landet innerhalb weniger Meter in einer völlig anderen Welt. Haus Schwarzenberg befindet sich in der Rosenthaler Straße 39, nur wenige Schritte vom Hackeschen Markt entfernt. Von außen wirkt der Zugang zunächst wie einer der vielen typischen Berliner Hinterhofeingänge. Dahinter öffnet sich jedoch ein Hof, dessen Wände, Türen, Treppen und Fassaden nahezu vollständig von Graffiti, Murals, Stickern, Paste-ups und Tags bedeckt sind.
Dabei handelt es sich nicht um eine klassische, fertig kuratierte Street-Art-Ausstellung. Die Kunst verändert sich immer wieder, neue Arbeiten kommen hinzu und andere verschwinden. Genau diese permanente Veränderung gehört zum Charakter des Ortes. Teilweise ist der Hof auch unter dem Namen „Dead Chicken Alley“ bekannt. Die Bezeichnung geht auf die Berliner Künstlergruppe Dead Chickens zurück, die eng mit der Geschichte des Hauses verbunden ist.
Die Geschichte des heutigen Kulturortes führt zurück in die 1990er-Jahre. Nach dem Fall der Berliner Mauer entstanden in vielen leer stehenden oder wenig genutzten Gebäuden der Stadt alternative Kunst-, Kultur- und Clubprojekte. Auch die Geschichte von Haus Schwarzenberg ist eng mit dieser besonderen Phase Berlins verbunden. Im Jahr 1995 wurde der gemeinnützige Verein Schwarzenberg e.V. gegründet. Sein Ziel war es, innerhalb des Gebäudekomplexes Räume für unabhängige kulturelle und soziale Projekte zu erhalten. Der Verein verwaltet den Ort bis heute.

Haus Schwarzenberg ist allerdings weit mehr als eine außergewöhnliche Graffiti-Kulisse. Hinter den bemalten Fassaden befinden sich mehrere eigenständige Kulturinstitutionen, deren Themen kaum unterschiedlicher sein könnten. Eine davon ist das Anne Frank Zentrum. In der Dauerausstellung „Alles über Anne“ beschäftigt sich das Zentrum mit der Lebensgeschichte Anne Franks und dem Holocaust. Gleichzeitig werden Verbindungen zur Gegenwart hergestellt und Fragen rund um Antisemitismus, Diskriminierung und gesellschaftliches Zusammenleben thematisiert.
Im selben Gebäudekomplex befindet sich das Museum Blindenwerkstatt Otto Weidt. Otto Weidt beschäftigte während der Zeit des Nationalsozialismus überwiegend blinde und gehörlose jüdische Menschen in seiner Werkstatt für Besen und Bürsten. Er versuchte, seine Beschäftigten vor Verfolgung und Deportation zu schützen. Heute können die historischen Räume seiner ehemaligen Werkstatt besichtigt werden. Der Eintritt in das Museum ist kostenlos.
Einen besonders starken Kontrast dazu bildet das Monsterkabinett der Künstlergruppe Dead Chickens. In dunklen Kellerräumen unter dem Hof befinden sich bizarre mechanische Monster, Metallfiguren und kinetische Kunstwerke. Zum Haus gehört außerdem das Kino Central, ein kleines unabhängiges Programmkino. Statt eines typischen Multiplex-Programms werden hier unter anderem Independent-Filme, internationale Produktionen und Filme abseits des großen Mainstreams gezeigt.