Unsere Lieblingsorte sind nicht immer die neuesten Hotspots der Stadt, sondern oft jene, die uns seit Jahren begleiten und sich wie ein zweites Zuhause anfühlen. Von gemütlichen Cafés über Lieblingsrestaurants bis hin zu den Clubs, die man in- und auswendig kennt. Für viele Berliner ist auch das RAW-Gelände ein solcher Ort. Mit seiner einzigartigen Mischung aus Clubs, Ateliers, Kultur- und Freizeiteinrichtungen gilt es als einer der bekanntesten alternativen Kulturorte der Hauptstadt. Besonders das Cassiopeia, einer der prägenden Clubs auf dem Gelände, zieht seit Jahren Woche für Woche zahlreiche Besucher an. Doch nun müssen Fans um die Zukunft des Areals bangen: Einzelne Clubs und Kultureinrichtungen im westlichen Teil des Geländes, insbesondere das sogenannte „Soziokulturelle L“ (SKL), sind von einer Räumung bis Ende Juni 2026 bedroht.

Das RAW-Gelände in Friedrichshain, ein ehemaliges Reichsbahnausbesserungswerk, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten zu einem internationalen Symbol der Berliner Subkultur entwickelt. Das Gelände gilt als einer der letzten großen alternativen Freiräume der Hauptstadt. Die aktuelle Eskalation begann, nachdem die Eigentümerin des westlichen Teils des Geländes, die Kurth Immobilien GmbH, das seit mehr als zehn Jahren laufende Bebauungsplanverfahren „RAW West“ für gescheitert erklärt und mehreren Nutzern Räumungsaufforderungen geschickt hat. Das Ziel des Verfahrens bestand ursprünglich darin, neue Bauvorhaben und teilweise Wohnungsbau zu ermöglichen und gleichzeitig die bestehenden Kultur- und Clubnutzungen dauerhaft zu sichern.
Die Kurth-Gruppe verfolgt seit Jahren Pläne, Teile des Areals neu zu entwickeln. Vorgesehen sind unter anderem neue Wohngebäude, Gewerbeflächen, Büros und teilweise höhere Neubauten bis hin zu einem Büroturm. Der Investor argumentiert, das Gelände sei infrastrukturell sanierungsbedürftig, die Verhandlungen würden bereits zu lange dauern und frühere Absprachen mit dem Land Berlin seien verändert worden.
Besonders akut ist die Situation für das Cassiopeia. Der seit 2005 bestehende Club zählt zu den bekanntesten alternativen Veranstaltungsorten Berlins. Nach Angaben der Betreiber würde eine Räumung Ende Juni zur sofortigen Insolvenz führen, Arbeitsplätze gefährden und zahlreiche weitere Projekte auf dem Gelände in Mitleidenschaft ziehen.

Für zusätzlichen Ärger sorgt die Tatsache, dass nach Angaben des Berliner Senats und des Bezirks bereits ein fertiger Rahmenvertrag auf dem Tisch lag. Dieser hätte der Kurth-Gruppe wirtschaftliche Vorteile und teilweise schnellere Genehmigungsverfahren ermöglicht und gleichzeitig den langfristigen Erhalt des Soziokulturellen L garantiert. Die Politik reagierte daher mit großem Unverständnis auf den plötzlichen Abbruch der Verhandlungen.
Die Kurth-Gruppe weist diese Darstellung jedoch zurück. Nach ihrer Auffassung habe der Bezirk Termine kurzfristig abgesagt, frühere Vereinbarungen verändert und wichtige Zusagen nicht eingehalten. Aus Sicht des Investors sei deshalb kein rechtssicherer Abschluss des Verfahrens mehr möglich gewesen. Derzeit stehen sich somit zwei völlig unterschiedliche Versionen der Ereignisse gegenüber.
Währenddessen versucht die Politik weiterhin, die Situation zu entschärfen. Geplant sind weitere Gespräche mit der Eigentümerin sowie eine Sondersitzung, um die Kulturflächen und die von Räumung bedrohten Einrichtungen zu retten. Parallel dazu haben bereits Demonstrationen für den Erhalt des RAW-Geländes stattgefunden, an denen rund 1.000 Menschen teilnahmen.