Schlösser sind oft märchenhafte Orte. Sie entführen uns in historische Zeiten, als die Welt von Königen bestimmt wurde und Berlins Techno-Szene noch in weiter Ferne lag. Um die eigene Fantasie zu beflügeln, lohnt sich ein Ausflug zu den schönsten Burgen und Schlössern in Brandenburg. Schloss Neuhardenberg ist dabei weit mehr als nur ein schickes Herrenhaus. Es ist ein preußisches Gesamtkunstwerk und gleichzeitig ein historischer Ort des Widerstands.
Von barockem Protz zu einem Ort des Widerstands gegen die Nazis

Der kleine Ort rund 70 Kilometer östlich von Berlin hieß ursprünglich Quilitz. Nach einem verheerenden Brand im Jahr 1801 wurde das Dorf fast vollständig neu geplant – heute sieht die Straßen daher so symmetrisch und streng geordnet aus. Seinen aktuellen Namen erhielt es dann sozusagen als königliches Geschenk: 1814 schenkte Friedrich Wilhelm III. das Gut seinem Staatskanzler Karl August Fürst von Hardenberg als Dank für dessen Verdienste bei den preußischen Reformen. Und mit der Ernennung zum Fürsten wurde der Ort kurzerhand in Neuhardenberg umbenannt.
Hardenberg ließ das alte Schloss ab 1820 zu einem repräsentativen Landsitz umgestalten. Er wollte keinen protzigen Barockpalast mehr, sondern ein Gebäude, das Vernunft, Eleganz und preußische Sachlichkeit ausstrahlte.
Auch in späteren Jahren blieb Schloss Neuhardenberg ein wichtiges Symbol der Geschichte. Hier lag im Zweiten Weltkrieg ein Ort des Widerstands: Das Schloss wurde ein Treffpunkt der Verschwörer des 20. Juli 1944. Carl-Hans Graf von Hardenberg war ein Nachfahre des Staatskanzlers und entschiedener Kritiker Hitlers. Er nutzte die Abgeschiedenheits des Schlosses zur Organisation des Widerstands und plante das berühmte, gescheiterte Attentat von Stauffenberg mit. Als es scheiterte, schlug die Gestapo zu: Die gesamte Familie wurde enteignet und der Graf ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht.
Das Geheimnis der Schinkel-Kirche

Heute wird das Schloss von der Stiftung Schloss Neuhardenberg betrieben und ist ein Ort für Hochkultur und Erholung zugleich. Regelmäßig finden hier Lesungen mit bekannten Schauspieler:innen, Konzerte und politische Debatten statt. Es gibt eine ständige Ausstellung zur Geschichte der Familie von Hardenberg sowie wechselnde Kunstausstellungen. Der Blick in den Veranstaltungskalender lohnt sich.
Ein absolutes Muss ist ein Besuch in der Schinkel-Kirche: Sie ist eines der bedeutendsten Bauwerke des deutschen Klassizismus und entworfen vom berühmten Architekt Karl Friedrich Schinkel. Anders als jede gewöhnliche Kirche hat sie keinen spitzen Kirchturm, sondern einen massiven, quadratischen Turm mit einem flachen Dach. Das wirkte damals so modern und ungewohnt, dass die Dorfbewohner:innen die spöttisch „Tabakdose“ nannten. Auch von Innen ist die Kirche ein Highlight: Die Decke ist wie ein Sternenhimmel gestaltet und ursprünglich für ein Bühnenbild der Oper „Die Zauberflöte“ entworfen.
Und übrigens: In der Rückwand des Altars ist eine Kapsel eingemauert. Darin befindet sich das echte Herz des Staatskanzlers Karl August von Hardenberg. Sein restlicher Körper liegt in einem Mausoleum im Park des Schlosses. Diese Trennung von Herz und Körper war eine alte Tradition bei hohen Adlig:innen – heute wirkt es fast wie aus einem Schauerroman.