Auf dem Wasser oder im Wasser ist einfach alles besser – sei es beim Abkühlen im Badesee, beim Toben auf dem Wasserspielplatz oder sogar beim Lernen. Wie Letzteres auf ganz besondere Weise funktioniert, zeigt ein außergewöhnlicher Ort mitten in Berlin. Die Floating University ist trotz ihres Namens keine Universität im klassischen Sinne. Vielmehr versteht sie sich als „Natureculture Learning Site“, also als Natur-Kultur-Lernort. Seit 2018 treffen hier Stadtnatur, Architektur, Kunst, Forschung, Bildung und gemeinschaftliches Experimentieren aufeinander.

Besonders außergewöhnlich ist der Standort: Die Floating University befindet sich in einem noch immer funktionierenden Regenwasserrückhaltebecken des ehemaligen Flughafens Tempelhof in Kreuzberg. Die Adresse lautet Lilienthalstraße 32, 10965 Berlin. Das gesamte Gelände umfasst rund 22.500 Quadratmeter. Das Regenwasserrückhaltebecken wurde bereits Anfang der 1930er-Jahre für den damaligen Flughafen Tempelhof und die angrenzenden Straßen angelegt. Nach dem Zweiten Weltkrieg ließ die US-Armee das Becken mit Beton einfassen. Seine ursprüngliche Funktion erfüllt es sogar bis heute. Bei Regen sammelt sich dort Wasser, das anschließend in das Berliner Kanalisationssystem weitergeleitet wird. Bei der ungewöhnlichen Kulisse handelt es sich somit nicht um eine nachträglich für das Kulturprojekt geschaffene Anlage, sondern um echte Berliner Wasserinfrastruktur.
Mehr als 80 Jahre lang war das Regenwasserrückhaltebecken für die Öffentlichkeit nicht zugänglich. In dieser Zeit konnte sich mitten in Berlin eine ungewöhnliche Landschaft entwickeln. Pflanzen, Algen und verschiedene Tierarten siedelten sich an und verwandelten die ursprünglich rein technische Infrastruktur nach und nach in ein kleines urbanes Ökosystem. Zusätzlich ist das Gelände von Kleingärten umgeben und von außen kaum zu erkennen. Obwohl es unmittelbar am ehemaligen Flughafengelände Tempelhof liegt, handelt es sich damit tatsächlich um einen ziemlich versteckten Ort.

Die Architekturgruppe raumlaborberlin entdeckte das Gelände im Zusammenhang mit Forschungen für ein Projekt auf dem ehemaligen Flughafenareal. Im Jahr 2018 wurde das Regenwasserbecken schließlich als Floating University für die Öffentlichkeit aktiviert. Seitdem dient der Ort dazu, zu erforschen und praktisch auszuprobieren, wie Architektur, Natur, Menschen, Tiere und urbane Infrastruktur miteinander existieren können. Der Begriff „University“ steht dabei weniger für eine klassische Bildungseinrichtung als für die Idee eines offenen Lern-, Forschungs- und Experimentierraums.
2026 besteht die Floating University bereits seit acht Jahren. Passend dazu beschäftigt sich die Ausstellung „Lebende Infrastruktur“ mit der Entwicklung des Ortes. Fotografien, Filme, Objekte und Geschichten zeigen, wie sich die technische Wasseranlage zu einem ökologischen und sozialen Experimentierraum entwickelt hat. Die Ausstellung läuft noch bis zum 27. September 2026. Die Natur selbst ist ein wichtiger Bestandteil des Konzepts. Auf dem Gelände leben unter anderem Amphibien und Mikroorganismen, während sich rund um das Wasser Algen, Schilf und andere Pflanzen ausgebreitet haben. Besucher können während der offenen Termine einfach Zeit auf dem Gelände verbringen, die ungewöhnliche Vegetation beobachten oder nach Fröschen Ausschau halten. Immer wieder finden außerdem gemeinsame Essen, Konzerte, Filmvorführungen und andere Veranstaltungen statt.
Für einen Besuch muss man nicht zwingend an einem Workshop teilnehmen. Während der regulären Öffnungszeiten lässt sich das Gelände auf eigene Faust erkunden. Darüber hinaus gibt es ein wechselndes Programm aus Workshops, Ausstellungen, Führungen, Kunstprojekten, Bewegungsangeboten und verschiedenen Bildungsformaten. Dazu gehört beispielsweise „Space for Practice“. Noch bis zum 12. Oktober 2026 findet montags von 9 bis 11 Uhr eine offene Bewegungspraxis direkt im Regenwasserbecken statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich und die Teilnahme ist kostenlos. Mit der Floating Kidsuni gibt es zudem ein eigenes Angebot für Kinder, bei dem sie sich spielerisch mit Wasser, Architektur, Stadtentwicklung, Kunst und Natur beschäftigen können.
Eine besonders wichtige Rolle spielt das Thema Wasser. Das Regenwasserbecken wird genutzt, um Themen wie Klimawandel, Wassermanagement und das Konzept der sogenannten Schwammstadt praktisch zu vermitteln. Dabei geht es unter anderem um die Frage, wie Regenwasser in Städten gespeichert und vor Ort genutzt oder versickert werden kann, anstatt es möglichst schnell über die Kanalisation abzuleiten. Die Floating University zeigt damit an einem realen Beispiel, wie technische Infrastruktur, Biodiversität, Klimaanpassung und urbanes Leben miteinander verbunden werden können.