Wer von Berlin aus nur zwei Stunden Richtung Nordosten reist, überquert eine Grenze, die heute kaum noch spürbar ist, und landet in einer Stadt, die wie kaum eine andere in Europa preußische Strenge mit französischem Esprit und polnischer Lebensfreude verbindet. Stettin, auf Polnisch Szczecin, ist das pulsierende Zentrum Pommerns, die drittgrößte Stadt Polens und ein Ort, der sein Besucher mit seinem Charm verzaubert.
Pariser Flair und hanseatisches Erbe

Das absolut Herausragende an Stettin ist sein ungewöhnlicher Stadtgrundriss. Wer auf dem Plac Grunwaldzki steht, könnte für einen Moment glauben, er sei in der französischen Hauptstadt gelandet. Im späten 19. Jahrhundert wurde das Zentrum nach dem Vorbild von Paris gestaltet: Sternförmig angelegte Plätze, von denen breite, von Prachtbauten gesäumte Boulevards ausgehen, prägen das Stadtbild. Dieses architektonische Erbe hat Stettin den Beinamen „Paris des Nordens“ eingebracht.
Nur wenige Gehminuten von diesem urbanen Kern entfernt zeigt sich die Stadt von ihrer hanseatischen Seite. Das unbestrittene Wahrzeichen ist die Hakenterrasse (Wały Chrobrego). Diese über 500 Meter lange Aussichtsterrasse thront majestätisch über der Oder und bietet einen weiten Blick über den Hafen und die verzweigten Flussläufe. Direkt dahinter ragt das strahlend weiße Schloss der Pommerschen Herzöge empor. Als einstiger Sitz der Greifenherzöge bildet das Renaissance-Bauwerk heute das kulturelle Herzstück der Stadt und erinnert an die Zeit, als Stettin eine der mächtigsten Residenzstädte im Ostseeraum war.
Die Modernen Kontraste und grüne Lungen in Stettin

Doch Stettin ist nicht in der Geschichte stehengeblieben. Den krassesten architektonischen Kontrast bildet die neue Philharmonie. Mit ihrer weißen, spitzen Glasfassade wirkt sie wie ein leuchtender Eisberg inmitten der historischen Backsteinbauten. Völlig zu Recht hat sie zahlreiche internationale Preise gewonnen.
Was Stettin zudem so lebenswert macht, ist der immense Anteil an Natur. Über ein Viertel der Stadtfläche besteht aus Wasser, und die riesigen Parks ziehen sich wie grüne Bänder durch die Viertel. Ein besonderes Kuriosum ist der Hauptfriedhof (Cmentarz Centralny), der drittgrößte Friedhof Europas, der aufgrund seiner weitläufigen Alleen und seltenen Baumarten eher wie ein botanischer Garten wirkt.
Wer nach so viel Kultur Hunger bekommt, sollte sich den kulinarischen Klassiker nicht entgehen lassen: den Pasztecik Szczeciński. Dieses frittierte Hefeteiggebäck ist mehr als nur ein Snack – es ist ein Stück Identität der Stadt. Stettin ist somit eine Stadt der Entdeckungen. Historisch tief verwurzelt, architektonisch mutig und immer mit einer frischen Brise der nahen Ostsee in der Luft.