Berlin ist das ganze Jahr über ein Paradies für Kunstfans. Spannende Ausstellungen finden sich in der ganzen Stadt, während große Künstler in die Hauptstadt kommen, um ihre außergewöhnlichen Werke zu präsentieren. Und seit gestern ist es wieder so weit: Mit Maurizio Cattelan zeigt einer der bekanntesten Gegenwartskünstler erstmals eine große Einzelausstellung in Deutschland. „NIGHT“ ist in der Neuen Nationalgalerie am Kulturforum zu sehen und bringt einige seiner provokantesten Werke nach Berlin.

Sie kombiniert einige seiner berühmtesten älteren Arbeiten mit neuen, speziell für die Ausstellung entstandenen Werken. Insgesamt verteilen sich 17 Arbeiten in und um die gläserne Halle von Mies van der Rohe. Cattelan beschäftigt sich darin vor allem mit deutscher und europäischer Geschichte, Autorität, Gewalt, Religion, Tod, Erinnerung und kollektivem Trauma. Gerade vor dem Hintergrund der deutschen Geschichte bekommt eine Reihe seiner ohnehin provokanten Werke in Berlin eine zusätzliche Bedeutung. Die Neue Nationalgalerie beschreibt seine Kunst als ein Spiel zwischen Ironie und Provokation, das etablierte Vorstellungen von Erinnerung, Glauben und gesellschaftlicher Macht infrage stellt.
Die Ausstellung ist zugleich mit dem Preis der Nationalgalerie 2026 verbunden. Cattelan wurde von einer internationalen Jury ausgewählt; kuratiert wird „NIGHT“ von Lisa Botti gemeinsam mit dem Direktor der Neuen Nationalgalerie, Klaus Biesenbach. Bereits am Anfang der Ausstellung wartet eines der auffälligsten Werke von „NIGHT“. Für „Purgatory“ (2026) hat Maurizio Cattelan das Brandenburger Tor in verkleinerter Form nachgebaut und in die Neue Nationalgalerie versetzt. Das Berliner Wahrzeichen wird damit aus seinem gewohnten Umfeld herausgelöst und zu einer symbolischen Schwelle zwischen der Außenwelt und der Ausstellung. Der Titel „Purgatory“ bedeutet übersetzt „Fegefeuer“ und verweist auf einen Ort des Übergangs und des Innehaltens. Das Miniatur-Brandenburger-Tor dient damit nicht einfach als spektakuläre Kulisse, sondern als Einstieg in die dunklen Themen der Ausstellung.
Wer durch die gläserne Halle der Neuen Nationalgalerie läuft, wird dabei selbst zum Beobachteten. Für das neue Werk „People“ (2026) hat Cattelan 4.000 präparierte Tauben an der Deckenkonstruktion der Halle platziert. Die Tiere sitzen hoch über den Köpfen der Besucher und scheinen das Geschehen unter ihnen aufmerksam zu verfolgen. Damit dreht Cattelan die gewöhnliche Situation in einem Museum um. Nicht nur die Menschen betrachten die Kunstwerke, sondern die Besucher bekommen selbst das Gefühl, von Tausenden Augen beobachtet zu werden. Tauben sind dabei kein neues Motiv in Cattelans Kunst, sondern tauchen bereits seit Jahrzehnten in seinen Arbeiten auf. In der offenen Architektur der Neuen Nationalgalerie erreicht das Motiv nun allerdings eine monumentale Dimension.

Zu den kontroversesten Werken der Ausstellung gehört „Him“ aus dem Jahr 2001. Von hinten wirkt die Skulptur zunächst wie die Figur eines kleinen Jungen oder eines knienden Mannes, der zu beten scheint. Erst beim Herumgehen wird sichtbar, dass die Figur die Gesichtszüge von Adolf Hitler trägt. In „NIGHT“ bildet „Him“ gemeinsam mit „Dawn“ (2007) eine zentrale Achse innerhalb der Glashalle. Die Gegenüberstellung beschäftigt sich unter anderem mit Hingabe und Verletzlichkeit. Gerade durch die Präsentation des international bekannten und vielfach diskutierten Werks in Berlin erhält es einen besonders aufgeladenen historischen Kontext.
Tiere spielen in Cattelans Arbeiten immer wieder eine wichtige Rolle. In Berlin ist unter anderem „Novecento“ aus dem Jahr 1997 zu sehen. Das Werk zeigt ein präpariertes Pferd, das an Gurten von der Decke hängt. Statt kraftvoll auf seinen Beinen zu stehen, hängt sein Körper regungslos und mit gesenktem Kopf im Raum. Mit „Novecento“ bringt Cattelan eines seiner bekannten älteren Werke nach Berlin und stellt es neuen Arbeiten gegenüber. Gemeinsam mit den Tausenden Tauben und weiteren Tiermotiven entsteht dadurch eine Ausstellung, in der immer wieder Leben und Tod, Bewegung und Stillstand aufeinandertreffen.
Zu den eigens für die Berliner Ausstellung entstandenen Werken gehört „After“ (2026). Die Installation besteht aus einem sechs Meter langen Eisenrohr, in dessen Zentrum sich die Figur eines schlafenden Hundes befindet. In regelmäßigen Abständen wird das Rohr angeschlagen und beginnt ähnlich wie eine große Glocke zu klingen. Mit der ungewöhnlichen Kombination aus dem scheinbar friedlich schlafenden Tier und dem massiven Metallkörper beschäftigt sich Cattelan mit Themen wie Zeit, Tod und Erinnerung.