Berlin, ein Dorf? Auch wenn es viele beschauliche Ecken und Parks in der Hauptstadt gibt, kann man die Metropole wohl kaum als kleine Stadt bezeichnen. Aber dennoch liegt mitten im Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf eine Siedlung, die der Philosoph Ludwig Marcuse als „lichtes Berliner Dörfchen mit kindlich-schlichten Straßen und Häuschen“ beschreibt. Damit gemeint ist die Siedlung Eichkamp. Sie gilt als eines der bedeutendsten Zeugnisse des reformorientierten Wohnbaus der 1920er Jahre.
Ein Dorf mitten in der Metropole

Das Konzept der Siedlung Eichkamp folgte der Gartenstadt-Idee. Hier sollte bezahlbarer Wohnraum für den Mittelstand und kleine Beamt:innen geschaffen werden, – wohl auch heute ein Traum vieler Berliner:innen. Jedes Haus verfügte dabei über einen eigenen Garten zur Selbstversorgung.
Damit hätten die Architekten auch kaum eine bessere Gegend wählen können. Die Siedlung entstand direkt am Rande des Grunewalds und in unmittelbarer Nähe zum Messegelände gelegen. Sie liegt versteckt und dabei doch mitten in der Stadt.
Zwischen 1918 und 1929 entwarfen namhafte Architekten wie Max und Bruno Taut oder Martin Wagner die Siedlung Eichkamp, die heute ein echtes Kleinod in Berlin ist. Architektonisch macht die Siedlung auf sich aufmerksam durch ihre sachliche Moderne, klaren Linien und funktionalen Grundrisse, die damals als revolutionär galten.
Vereinsleben mit bewegter Geschichte

Die Siedlung blickt auf eine bewegende Geschichte zurück. Historisch ist Eichkamp als Wohnort der „Intelligenz“ bekannt: zahlreiche Schriftsteller:innen, Künstler:innen und Wissenschaftler:innen wie Arnold Zweig oder Ludwig Meidner lebten hier. In den 1930er-Jahren lebten in mehr als siebzig Häusern in Eichkamp Bürger:innen, die als Juden verfolgt wurden. Viele von ihnen konnten noch rechtzeitig fliehen. Noch immer erinnern viele Stolpersteine vor den Häusern an den intellektuellen Widerstand.
Der Siedlerverein Eichkamp bietet heute verschiedene Veranstaltungen an. Fast die Hälfte aller Anwohnenden ist dort Mitglied! Gemeinsam organisieren die Nachbar:innen Kurse, Konzerte oder Café-Nachmittage. Jede:r ist dort willkommen, ob neu hergezogen oder alteingesessen. So gibt es doch tatsächlich noch ein wenig Dorfgefühl – auch in einer Metropole wie Berlin.