Wenn wir an die Wohnungssituation in Berlin denken, ist nicht nur die begrenzte Zahl an Wohnungen ein Problem, sondern vor allem die hohen Mieten. Erst kürzlich wurde jedoch bekannt gegeben, dass im grünen Bohnsdorf ab Oktober moderne 2-Zimmer-Wohnungen mit 57 Quadratmetern für gerade einmal 399 Euro Kaltmiete angeboten werden. Ein kleines Licht am Ende des Tunnels. Doch günstiger Wohnraum war in Berlin nicht immer so schwer zu finden. Schon früher musste die Stadt kreative Lösungen für den wachsenden Wohnraumbedarf finden. Eine davon steht bis heute in Berlin-Wilmersdorf: die Autobahnüberbauung Schlangenbader Straße, von Berliner meist einfach „Schlange“ genannt. Die riesige Wohnanlage ist aus einem ungewöhnlichen Grund einzigartig: Ein Teil der Stadtautobahn wurde direkt in den Wohnkomplex integriert.

Die Anlage entstand zwischen 1973 und 1980 und war eine außergewöhnliche städtebauliche Antwort auf die Wohnungsknappheit und den begrenzten Platz im damaligen West-Berlin. Der Hauptkomplex ist rund 600 Meter lang und umfasst im eigentlichen Autobahnüberbau etwa 1.064 Wohnungen. Zählt man die angrenzende Randbebauung mit, kommt der gesamte Großkomplex auf rund 2.200 Wohnungen. Die Gebäude erreichen dabei bis zu 15 Geschosse.
Die ungewöhnliche Konstruktion entstand aus einer besonderen Situation: West-Berlin war während der Teilung von der Mauer umgeben und verfügte nur über begrenzte Flächen. Deshalb entstand die Idee, die vorhandene Infrastruktur nicht einfach neben neuen Wohnungen verlaufen zu lassen, sondern die Autobahn direkt zu überbauen. Die damalige A104, deren Abschnitt heute zur A100 gehört, wurde dabei in das Bauwerk integriert. So entstand ein langer Wohnkomplex, in dem Wohnen und Verkehr unmittelbar miteinander verbunden wurden. Die Berlinische Galerie bezeichnet die ungewöhnliche Anlage auch als eine Art „liegendes Hochhaus“.
Damit der Verkehr nicht unmittelbar in den Wohnungen zu spüren war, wurde die Autobahn durch speziell konstruierte Hohlkästen geführt. Diese waren statisch und akustisch vom restlichen Bauwerk getrennt, sodass Vibrationen und Verkehrslärm möglichst wenig auf die Wohnungen übertragen wurden. Die Idee einer Überbauung von Verkehrswegen war damals international bereits als städtebauliche Vision bekannt. Mit der Schlangenbader Straße wurde sie in Berlin jedoch in einer besonders großen und ungewöhnlichen Form umgesetzt.

Die „Schlange“ wurde nicht lediglich als Wohnhaus geplant, sondern als komplexe Stadtstruktur. Neben den Wohnungen entstanden 118 Hobbyräume, vier Gästewohnungen und zwölf Gemeinschaftsräume. Hinzu kamen unter anderem Fahrrad- und Kinderwagenräume, Garagendecks, Spielplätze, begrünte Innenhöfe und Gewerbeflächen.
Auch bei den Wohnungen wurde auf Vielfalt gesetzt. Insgesamt entstanden 120 verschiedene Grundrissvarianten. Der rund 600 Meter lange Hauptbau verfügt außerdem über etwa 10.000 Quadratmeter Gewerbefläche. Entworfen wurde die Anlage unter anderem von Georg Heinrichs, Wolf Bertelsmann, Gerhard Krebs und Klaus Detlev Krebs. Die Außenanlagen wurden von Paul-Heinz Gischow und Walter Rossow gestaltet.
Die „Schlange“ gehört zum architektonischen Umfeld der sogenannten Megastrukturen der 1960er- und 1970er-Jahre. Dabei ging es um riesige, multifunktionale Bauwerke, die verschiedene Bereiche des Stadtlebens wie Wohnen, Verkehr und Infrastruktur miteinander verbinden sollten. Seit 2017 steht die Schlangenbader Straße unter Denkmalschutz. Damit ist der ungewöhnliche Wohnkomplex nicht nur ein Beispiel für die Architektur und Stadtplanung des geteilten Berlin, sondern auch ein erhaltenes Zeugnis dafür, wie die damaligen Planer mit der extremen Flächenknappheit der Stadt umgehen wollten.