Unsere Hauptstadt ist bekannt dafür, hinter vielen heute beliebten Orten eine überraschend strategische Vergangenheit zu verbergen. Ob im öffentlichen Verkehr oder in der Freizeitkultur – Berlin verbindet Geschichte und Gegenwart auf einzigartige Weise. So wurden die Räume einiger der berühmtesten Technoclubs ursprünglich gar nicht für das Nachtleben gebaut. Das Berghain war einst ein Heizkraftwerk, der Tresor nutzte die alten Tresorräume eines Kaufhauses. Kaum zu glauben, was Berlin alles aus seinen ehemaligen Industriegebäuden gemacht hat! Doch nicht nur Clubs, auch scheinbar gewöhnliche Orte erzählen von einer anderen Zeit. Der U-Bahnhof Pankstraße etwa verbirgt bis heute einen Atombunker, der einst Platz für 3.300 Menschen bot – erstaunlich, wenn man bedenkt, dass hier täglich Tausende Fahrgäste vorbeigehen, ohne es zu wissen. Und auch die Berliner Ringbahn, die heute den inneren Stadtring bildet, hat eine militärische Vergangenheit: Die rund 37 Kilometer lange Strecke wurde im 19. Jahrhundert nicht für den Personenverkehr, sondern aus rein strategischen Gründen für den Krieg gebaut.
Im 19. Jahrhundert, als Berlin zur Hauptstadt Preußens und später des Deutschen Kaiserreichs wurde, forderte das preußische Militär den Bau einer eigenen Bahnlinie. Über sie sollten Truppen und Kriegsmaterial schnell um die Stadt transportiert werden – ohne das stark frequentierte Stadtzentrum zu blockieren. Die Idee war, Soldaten, Waffen, Pferde und Nachschub effizient zwischen Kasernen, Depots, Bahnhöfen und strategischen Punkten zu bewegen – etwa im Falle eines Krieges oder Aufstands. Der Bau der späteren S-Bahn-Ringbahn begann 1851, und bereits im selben Jahr sowie im darauffolgenden Jahr gingen die ersten Abschnitte in Betrieb – zunächst ausschließlich als Güter- und Militärbahn. Sie verband wichtige militärische und industrielle Gebiete außerhalb der Innenstadt, etwa Moabit, Tempelhof, Rummelsburg und Pankow. Ab den 1870er-Jahren wurde die Strecke zunehmend auch für den Personenverkehr genutzt. 1877 war der Ring schließlich geschlossen – ein technisches und logistisches Meisterwerk seiner Zeit.
Die Ringbahn galt für die preußische Armee als „Umgehungsbahn“: Über sie konnten Nachschubtransporte um die Stadt geleitet, Mobilmachungen beschleunigt und die innerstädtischen Verkehrswege entlastet werden. Mit dem rasanten Wachstum Berlins im 19. und 20. Jahrhundert wurde die Ringbahn bald unverzichtbar für den Alltag. Sie verband Stadtteile und neue Wohnviertel, brachte wirtschaftlichen Aufschwung und bildete die Grundlage für das heutige Berliner S-Bahn-Netz. Ab 1926 wurde sie elektrifiziert und als S-Bahn-Ring bekannt. Heute fahren täglich Hunderttausende Fahrgäste mit der Ringbahn – meist ohne zu wissen, dass sie auf einem Relikt preußischer Militärstrategie unterwegs sind.
