Einst der opulenteste Stadtpalast Berlins, heute keine Spur mehr davon. Einst ein stalinistischer Prachtboulevard, heute eine der bekanntesten Straßen der Hauptstadt. Wo früher imposante Architekturikonen das Stadtbild prägten, sind heute teilweise völlig neue Gebäude und Plätze entstanden. Berlin hat sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder neu erfunden, und vieles von dem, was einst zum Alltag gehörte, ist längst verschwunden. Doch nicht nur im Zentrum der Hauptstadt hat die Zeit ihre Spuren hinterlassen. Auch die Wohnviertel haben sich grundlegend verändert: Aus kleinen Bauerndörfern wurden moderne Stadtteile, aus ländlicher Idylle lebendige Wohngebiete. Karow gehört zu jenen Berliner Ortsteilen, in denen Vergangenheit und Gegenwart auf besonders eindrucksvolle Weise aufeinandertreffen und sich die Entwicklung der Hauptstadt bis heute nachvollziehen lässt.

Wo vor Jahrhunderten Bauern ihre Felder bewirtschafteten und das Dorfleben von Landwirtschaft geprägt war, erstrecken sich heute moderne Wohnsiedlungen. Doch trotz der Veränderungen hat sich der Ortsteil im Nordosten Berlins einen bemerkenswerten Teil seiner ursprünglichen Identität bewahrt. Historische Bauernhöfe, eine rund 800 Jahre alte Dorfkirche und weitläufige Naturlandschaften erinnern noch immer an die Zeit, als Karow ein kleines Dorf vor den Toren der Hauptstadt war. Seine Entwicklung erzählt zugleich ein spannendes Kapitel der Berliner Stadtgeschichte.
Die Geschichte Karows reicht bis ins frühe 13. Jahrhundert zurück. Bereits um 1220 bis 1230 entstand hier eine Dorfkirche, was darauf hindeutet, dass die Siedlung schon damals existierte. Im Jahr 1375 wurde der Ort im Landbuch Kaiser Karls IV. unter dem Namen „Kare“ erwähnt. Die historische Bezeichnung steht in Verbindung mit der Adelsfamilie von Kare, die das Dorf über mehrere Jahrhunderte besaß. Ursprünglich war Karow ein typisch märkisches Straßendorf, dessen Leben sich entlang einer zentralen Dorfstraße abspielte. Hier reihten sich Bauernhöfe aneinander, während sich dahinter Gärten, Wiesen und landwirtschaftlich genutzte Flächen erstreckten. Die Menschen lebten überwiegend von der Landwirtschaft und der Viehhaltung. Neben größeren Bauernhöfen gab es kleinere Anwesen sogenannter Kossäten, die nur über wenig eigenes Land verfügten. Wie überschaubar die damalige Dorfgemeinschaft war, zeigt ein Blick auf das Jahr 1705: Zu dieser Zeit lebten hier unter anderem zehn Hüfner, sieben Kossäten, ein Schmied und ein Hirte.
Eines der bedeutendsten Zeugnisse dieser frühen Vergangenheit ist die Dorfkirche Karow, deren Ursprünge bis in die erste Hälfte des 13. Jahrhunderts zurückreichen. Sie zählt zu den ältesten erhaltenen Dorfkirchen Berlins und prägt den historischen Ortskern bis heute. Ihr Westturm wurde allerdings erst zwischen 1845 und 1847 errichtet. Auch der angrenzende Kirchhof reicht in seinen Ursprüngen bis ins Mittelalter zurück. Heute stehen sowohl die Kirche als auch der Kirchhof unter Denkmalschutz.

Über Jahrhunderte blieb Karow ein vergleichsweise abgeschiedenes Dorf. Erst mit der Eröffnung des Bahnhofs am 15. November 1882 begann sich das Leben der Bewohner allmählich zu verändern. Die neue Eisenbahnverbindung über die Stettiner Bahn ermöglichte eine deutlich bessere Anbindung an Berlin und Bernau. In den folgenden Jahrzehnten entstanden westlich des historischen Dorfkerns erste neue Wohnhäuser und Siedlungen.
Trotz dieser Entwicklung blieb Karow lange Zeit ländlich geprägt. Noch 1908 verfügte der Ort weder über eine zentrale Wasserversorgung noch über Elektrizität oder Kanalisation. Auch die Einwohnerzahl war überschaubar: 1919 lebten hier lediglich rund 950 Menschen. Ein entscheidender Wendepunkt folgte am 1. Oktober 1920. Mit der Gründung Groß-Berlins wurde die bis dahin eigenständige brandenburgische Landgemeinde in die Hauptstadt eingemeindet und dem Bezirk Pankow zugeordnet. In den 1920er- und 1930er-Jahren entstanden vor allem rund um den Bahnhof weitere Wohnsiedlungen mit kleinen Häusern und Gärten. Dennoch blieb die Landwirtschaft bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein wichtiger Bestandteil des örtlichen Lebens.