An nahezu jeder Ecke Berlins lässt sich ein Stück Geschichte entdecken. So modern unsere Hauptstadt heute auch sein mag, ihre Vergangenheit lässt sich nicht auslöschen – und genau das macht sie so besonders. Zwischen Vergangenheit und Gegenwart begegnen uns bis heute faszinierende Kontraste. Ob das einst größte Warenhaus Europas oder ein längst vergessener Berliner Stadtteil – sie alle haben ihre Spuren im Stadtbild hinterlassen. Doch es gibt einen weiteren historischen Ort, an dem sich eine der spektakulärsten Fluchten aus der DDR ereignete: den Checkpoint Charlie. Er gehört zu den geschichtsträchtigsten Orten Berlins. Wo sich heute täglich zahlreiche Touristen vor einem nachgebauten Kontrollhäuschen fotografieren lassen, riskierten Menschen während des Kalten Krieges bei waghalsigen Fluchtversuchen ihr Leben.

Im Mai 1963 gelang es dem jungen Österreicher Heinz Meixner, seine Verlobte und seine zukünftige Schwiegermutter in einem umgebauten Sportwagen von Ost-Berlin nach West-Berlin zu bringen. Das Besondere daran war, dass er die Grenzsperre nicht durchbrach, sondern mit hoher Geschwindigkeit direkt unter der geschlossenen Schranke am Checkpoint Charlie hindurchraste. Noch erstaunlicher ist, dass nur wenige Wochen später ein anderer Mann eine ähnliche Flucht mit demselben Fahrzeug unternommen haben soll. Die Geschichte zeigt eindrucksvoll, mit welchem Einfallsreichtum und unter welchen lebensgefährlichen Bedingungen Menschen während der deutschen Teilung versuchten, die DDR zu verlassen.
Heinz Meixner war ein etwa 20-jähriger Österreicher, der sich in die Ost-Berlinerin Margarete Thurau verliebt hatte. Während er als österreichischer Staatsbürger die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin passieren konnte, durfte seine Verlobte die DDR nicht ohne Weiteres verlassen. Ein Antrag auf Ausreise nach Österreich wurde abgelehnt, weshalb Meixner nach einer anderen Möglichkeit suchte, seine Verlobte und deren Mutter in den Westen zu bringen. Schließlich entwickelte er einen außergewöhnlichen Fluchtplan, bei dem ein kleiner britischer Sportwagen eine entscheidende Rolle spielen sollte.
Bei seinen Vorbereitungen untersuchte Meixner den Grenzübergang Checkpoint Charlie und maß die Höhe der geschlossenen Grenzschranke. Dabei stellte er fest, dass zwischen dem Boden und dem Schlagbaum lediglich rund 95 Zentimeter Platz waren. Diese Entdeckung brachte ihn auf die Idee, mit einem besonders niedrigen Fahrzeug direkt unter der Schranke hindurchzufahren.
Für seinen Plan mietete er einen britischen Sportwagen vom Typ Austin-Healey Sprite. Damit das Fahrzeug niedrig genug war, entfernte er die Windschutzscheibe und ließ zusätzlich Luft aus den Reifen. Durch diese Veränderungen erreichte der Wagen eine Höhe von ungefähr 90 Zentimetern. Zwischen dem Fahrzeug und der Grenzschranke blieben somit nur etwa fünf Zentimeter Spielraum. Schon eine kleine Fehleinschätzung hätte ausgereicht, um den Fluchtversuch scheitern zu lassen.

Neben der geringen Höhe des Fahrzeugs stellte auch der begrenzte Platz eine große Herausforderung dar. Meixner musste schließlich zwei weitere Menschen unbemerkt über die Grenze bringen. Seine Verlobte Margarete versteckte sich deshalb hinter den Sitzen des Sportwagens, während ihre Mutter im engen Kofferraum untergebracht wurde.
Um seine zukünftige Schwiegermutter vor möglichen Schüssen der DDR-Grenzsoldaten zu schützen, soll Meixner rund 30 Ziegelsteine im Kofferraum platziert haben. Diese sollten als improvisierter Schutz dienen, falls die Grenzposten das Feuer auf das flüchtende Fahrzeug eröffnen würden.
In den frühen Morgenstunden des 5. Mai 1963 setzte Heinz Meixner seinen Plan schließlich in die Tat um. Gegen 3:15 Uhr näherte er sich mit dem umgebauten Sportwagen dem Grenzübergang Checkpoint Charlie. Als ihn die Grenzbeamten aufforderten, zur Zollkontrolle anzuhalten, beschleunigte er stattdessen sein Fahrzeug. Meixner umfuhr die Hindernisse und steuerte direkt auf die geschlossene Grenzschranke zu. Im entscheidenden Moment duckte er sich hinter das Lenkrad, während der niedrige Sportwagen mit hoher Geschwindigkeit unter dem Schlagbaum hindurchschoss. Der Fluchtversuch gelang tatsächlich. Meixner, seine Verlobte und deren Mutter erreichten unverletzt West-Berlin. Die außergewöhnliche Aktion sorgte damals für großes Aufsehen und wurde zu einem der bekanntesten Beispiele für die spektakulären Fluchtmethoden während der deutschen Teilung.
Der Checkpoint Charlie hat sich von einem Ort politischer Spannungen und lebensgefährlicher Fluchtversuche zu einer weltweit bekannten Sehenswürdigkeit entwickelt. Wo Heinz Meixner 1963 unter einer Grenzschranke hindurchraste, um zwei Menschen die Flucht in den Westen zu ermöglichen, können Besucher heute die Straße ungehindert überqueren.