106 kunstvoll gestaltete Skulpturen erwecken den Brunnen im eventreichen Volkspark Friedrichshain zum Leben. Der brillante Künstlers Ignatius Taschner prägte die Anlage, indem er 10 berühmte Märchencharaktere am Beckenrand verewigte.
Man begegnet dem gestiefelten Kater, den ängstlichen Geschwistern Hänsel und Gretel und dem fröhlichen Hans im Glück. Doch eine Figur sticht durch ihre besondere Zartheit und Ausstrahlung hervor: das schlafende Dornröschen.
Dornröschen am Märchenbrunnen – Eine Geschichte von Vater und Tochter

Die Skulptur des Dornröschens zeigt uns den unendlichen Schlaf des armen Mädchens. Aber dass diese Figur eine so bemerkenswerte Lebendigkeit, Nahbarkeit und liebende Aura ausstrahlt, ist kein Zufall. Dahinter verbirgt sich die berührende Geschichte ihres Schöpfers.
Ignatius Taschner suchte für die Darstellung der schlafenden Prinzessin nach einem Ausdruck von kindlicher Unschuld und vollkommener Ruhe. Er fand dieses Motiv in seiner Tochter Maja (*1900). Sie saß ihrem Vater Modell und lieh dem Märchengesicht ihre Züge. Diese intime Verbindung ließ etwas wahrlich Besonderes entstehen: die liebevolle Beobachtung eines Vaters, der sein schlafendes Kind anblickt.
Doch dann: Die Katastrophe!

Kurz nachdem Ignatius die Statuen für den Brunnen fertiggestellt hatte, verstarb er überraschend mit nur 42 Jahren. Maja war 13 Jahre alt. Aber die Familie ließ sich nicht unterkriegen. Gemeinsam mit ihrer Mutter (die kurz darauf auch verstarb) und ihrer jüngeren Schwester sammelte, sortierte und archivierte Maja seine Skizzen, Briefe und Modelle.
Das einstige Mädchen, das als schlafendes Dornröschen für die Ewigkeit in Stein gemeißelt wurde, hielt die Erinnerung an ihren Vater wach. Sie half aktiv bei Publikationen und Ausstellungen mit und sorgte dafür, dass der Name Taschner in der Kunstwelt nicht verblasste.
Es gibt übrigens noch ein weiteres Dornröschen in Berlin. Bei diesem faszinierenden Lichter-Ballet!
Der tiefe Schlaf und das Erwachen des Brunnens

Und auch der Märchenbrunnen musste dunkle Zeiten überstehen. Im Zweiten Weltkrieg erlitt die Anlage schwerste Zerstörungen und verfiel in einen jahrelangen Trümmerschlaf. Die originalen Figuren waren vernichtet oder verschollen.
Bei vorläufigen Arbeiten in den 1950er Jahren wurden grobe Rekonstruktionen von Taschners Statuen hergestellt. Aber das Nachkriegs-Dornröschen (siehe Titelbild) wirkt deutlich älter als die eigentlich 7-jährige Maja. Erst seit die Anlage 2007 vollends rekonstruiert wurde, erkennt man wieder das kindliche Gesicht des vom Vater betrachteten Mädchens!
Maja Taschner war es nicht vergönnt, die Statue ihres liebenden Vaters noch einmal zu sehen. Sie starb im Jahr 1980 im Alter von 80 Jahren.
Der Märchenbrunnen lädt dazu ein, sich auf eine Bank zu setzen, dem Plätschern zu lauschen und, nicht ungleich dem schlafenden Dornröschen, die Welt für einen Moment zu vergessen.