Man läuft schnell vorbei an diesem Haus in Schöneberg. Ein ganz normaler Altbau, vierter Stock, Berliner Hinterhofcharme. Und doch hat hier ein Stück Weltgeschichte seinen Anfang genommen. Doch was hat die legendäre Schauspielerin und Sängerin Liza Minnelli mit diesem unscheinbaren Altbau in Berlin zu tun?
1929 zog ein junger Brite namens Christopher Isherwood in ein möbliertes Zimmer, und bald teilte er die Wohnung mit Jean Ross, einer englischen Journalistin mit großen Träumen und noch größerem Mundwerk. Die Gedenktafel am Eingang erinnert bis heute an den berühmten Untermieter. Das Haus steht noch, und wer davorsteht, hört mit etwas Fantasie noch das Klappern der Absätze auf der Treppe, wenn Jean spätnachts aus den Clubs heimkehrte.
Aus der WG in der Nollendorfstraße 17 wird Weltliteratur

Schöneberg war damals das Viertel für alle, die anderswo nicht reinpassten. Nachts glitzerte es, tagsüber wurde gehungert, und auf den Straßen marschierten immer öfter die Braunhemden. Isherwood schaute genau hin und schrieb mit. Aus seinen Notizen wurde „Leb wohl, Berlin“, und aus seiner Mitbewohnerin Jean wurde Sally Bowles: kokett, chaotisch, unwiderstehlich. 1933, als die Nazis übernahmen, packte er die Koffer.
Später landete er in Kalifornien, wo er 1986 starb. Berlin aber blieb in seinem Kopf, und aus dem Buch wurde das Musical „Cabaret“. Willkommen im Kit Kat Klub, wo der Conférencier mit schiefem Grinsen verspricht, dass draußen die Welt noch in Ordnung sei. Ist sie nicht. Das Publikum lacht, tanzt und merkt zu spät, wie nah das Unheil schon sitzt. Wer das live erleben will, geht ins Tipi am Kanzleramt, wo „Cabaret“ regelmäßig läuft, quasi um die Ecke vom Regierungsviertel. Passender geht es kaum.
Liza Minnelli kommt vorbei

Und dann ist da Liza Minnelli. Tochter von Hollywood-Legende Judy Garland, Showbusiness von Geburt an. Am 27. März 1973 holte sie für Bob Fosses Verfilmung von „Cabaret“ den Oscar als beste Hauptdarstellerin. Sie spielte Sally Bowles so, dass man die Rolle kaum noch anders denken kann. Im Juni 2009 kam sie nach Berlin und stand tatsächlich vor dem Haus in der Nollendorfstraße, an dem Ort, an dem ihre berühmteste Figur ihren Anfang nahm. Ein Gänsehautmoment.
Und Jean Ross? Die echte Sally war weit mehr als eine Partymaus. Sie wurde Journalistin, schrieb für den kommunistischen „Daily Worker“ und blieb politisch hellwach. Mit dem Journalisten Claud Cockburn bekam sie eine Tochter, die später als Krimiautorin Sarah Caudwell bekannt wurde. Jean Ross starb 1973, im selben Jahr, in dem Liza für ihre Sally den Oscar bekam. Der Kreis schließt sich und zeigt wieder einmal eindrucksvoll, dass das Leben noch immer die besten Pointen schreibt.