Geschichte wurde an jeder Ecke Berlins geschrieben. Von einer Villenkolonie, in der Rainer Maria Rilke lebte, bis hin zu einem Platz mit jahrhundertealtem Weinbrunnen. Doch wo befand sich einst der wahre Treffpunkt der Berliner Kunstszene? Die Künstlerkolonie Wilmersdorf gehört zu den geschichtsträchtigsten und zugleich unbekanntesten Wohnvierteln der Hauptstadt. Versteckt zwischen Südwestkorso, Bonner Straße, Kreuznacher Straße und Steinrückweg entstand Ende der 1920er-Jahre eine Wohnsiedlung, die eigens für Künstler, Schriftsteller, Musiker und Schauspieler errichtet wurde.

Bis heute erinnern zahlreiche Gedenktafeln, Stolpersteine und das denkmalgeschützte Gebäudeensemble an die bewegte Vergangenheit dieses besonderen Ortes. Die Künstlerkolonie liegt im Ortsteil Wilmersdorf, nur wenige Gehminuten vom Breitenbachplatz entfernt. Der Grundstein für die Künstlerkolonie wurde am 30. April 1927 gelegt. Insgesamt entstanden hier rund 700 Wohnungen, die sich auf mehrere Wohnblöcke verteilen. Das Zentrum der Siedlung bildet bis heute der Ludwig-Barnay-Platz. Die gesamte Anlage ist Teil der denkmalgeschützten Gartenstadt am Südwestkorso und steht seit 1990 unter Denkmalschutz.
Errichtet wurde die Künstlerkolonie von den damaligen Interessenvertretungen der Künstler und Bühnenangehörigen. Ziel war es, Kunstschaffenden bezahlbare, helle und moderne Wohnungen mit zeitgemäßem Komfort zur Verfügung zu stellen. Einer der Initiatoren war der Schauspieler Gustav Rickelt, der sich für besseren und bezahlbaren Wohnraum für Künstlerinnen und Künstler einsetzte.

Schon wenige Jahre nach ihrer Entstehung entwickelte sich die Künstlerkolonie zu einem lebendigen Treffpunkt der Berliner Kulturszene während der Weimarer Republik. Hier lebten zahlreiche Schriftsteller, Schauspieler, Musiker und Intellektuelle Tür an Tür. Aufgrund der politisch engagierten Bewohnerschaft erhielt die Siedlung bald die Spitznamen „Roter Block“ und „Rote Tintenburg“.
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten änderte sich das Leben in der Künstlerkolonie jedoch schlagartig. Am 15. März 1933 wurde die Siedlung Ziel einer groß angelegten Razzia. Viele Bewohner wurden verhaftet, verfolgt, ins Exil gezwungen oder später in Konzentrationslagern ermordet. Auch die Bücherverbrennungen auf dem damaligen Laubenheimer Platz gehören zu den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte. Heute erinnert ein Mahnmal auf dem Ludwig-Barnay-Platz an die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung.
Zu den bekanntesten Bewohnerinnen und Bewohnern der Künstlerkolonie gehörten der Schauspieler Ernst Busch, der Philosoph Ernst Bloch, der Lyriker Peter Huchel, die Schauspielerin Steffie Spira, die Stummfilmikone Brigitte Helm, die Schriftstellerin Dinah Nelken sowie Helene Jacobs, die während der NS-Zeit verfolgten Jüdinnen und Juden half und später als Widerstandskämpferin geehrt wurde.