1993 gewann der renommierte Architekt Hans Kollhoff den städtebaulichen Ideenwettbewerb für den Alexanderplatz in Berlin-Mitte: Er wollte das Herz der wiedervereinigten Hauptstadt in ein „Mini-Manhattan“ verwandeln.
Der ambitionierte Masterplan sah 13 Wolkenkratzer vor, die bis zu 150 Meter in den Berliner Himmel ragen sollten. Hier sollte ein optisch an den amerikanischen Art-Déco-Stil der 1920er Jahre angelehntes urbanes Zentrum entstehen.
Hans Kollhoffs Masterplan: Ein Hauch von New York in Berlin

Der Entwurf von Kollhoff war ein radikaler Gegenentwurf zur sozialistischen Ästhetik und den städtebaulichen Wunden der Teilung. Er orientierte sich an den ikonischen Wolkenkratzern Nordamerikas, wie dem Rockefeller Center.
Mit strengen, klassisch proportionierten Steinfassaden, stufenförmigen Spitzen und einer enorm dichten Bebauung sollte der Alex metropolitanes Flair ausstrahlen. Es ging Kollhoff neben dem Erschaffen von Bürofläche um ein neues, stolzes Lebensgefühl für Berlin, das architektonisch an den Mythos der Goldenen Zwanziger anknüpfen sollte.
Dabei ist Kollhoffs Architektur zwar wunderschön, aber sie wirkt in Berlin fehl am Platz. Bei aller Schönheit prägen Bodenversiegelung, Leere und Identitätslosigkeit die Umgebung von Kollhoffs Architektur, wie man an den Leibniz-Kolonnaden und dem Potsdamer Platz (Kollhoff-Tower) sehen kann.
Warum die Wolkenkratzer-Vision ins Stocken geriet

Trotz anfänglicher Euphorie nach dem Mauerfall holte die wirtschaftliche Realität die Hauptstadt schnell ein. Fehlende Investoren, ein Überangebot an Büroflächen in den 90ern und Berlins notorische Finanzprobleme ließen den Masterplan erstmal in der Schublade verschwinden.
Zudem wehrte sich die Berliner Stadtgesellschaft gegen eine derartige Skyline-Bebauung im historischen Zentrum. Stattdessen prägten jahrzehntelang Stillstand, zugige Freiflächen und provisorische Bauten das Bild rund um den Alexanderplatz. Yay!
Investorenträume statt Bürgerwille: Die aktuelle Realität am Alex

Heute sollen auf dem Alexanderplatz nun doch die Wolkenkratzer in die Höhe wachsen – darunter der Alexander Tower (Monarch) oder das Hochhaus von Covivio. Mit Kollhoffs eleganter Vision haben diese Bauten – zumindest ästhetisch – nichts gemein.
In den 90ern gab es wenigstens noch einen ästhetisch zusammenhängenden Plan. Heute werden nichtssagende Gebäude aus Glas und Beton hochgezogen. Statt bezahlbarem Wohnraum entstehen Hotels, Luxusapartments und Büroräume.
Zwar muss man notgedrungenermaßen festhalten: Kollhoffs Architektur war hundertmal besser als die Alternative. Aber Entlastung für die Allgemeinheit hätte auch sein Projekt nicht geschaffen. Denn eben das wäre „Mini-Manhattan“ gewesen: Ein Mini-Manhattan.