Wer in Berlin nach der ultimativen Antithese zu sterilen Lounges und durchgestylten Concept-Stores sucht, landet hoffentlich in der Schönleinstraße 34. Das Bei Schlawinchen ist kein gewöhnliches Lokal – es ist ein Paralleluniversum, eine Zeitkapsel und für viele Berliner ein erweitertes Wohnzimmer. Seit Jahrzehnten ist diese Kneipe das soziale Epizentrum des Graefekiezes – und das wortwörtlich rund um die Uhr.
Das markanteste Merkmal des Schlawinchens ist seine zeitlose Beständigkeit. In einer Stadt, die sich rasant wandelt, bleibt hier alles beim Alten. Das beginnt bei den Öffnungszeiten: 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Hier gibt es keine Sperrstunde, kein „Letzte Runde“ und kein Licht, das ungemütlich hell wird, wenn der Morgen graut. Wer hier eintritt, verliert sofort das Zeitgefühl.
Zwischen Trödel an der Decke und echter Berliner Schnauze

Das Interieur ist ein einziger, wunderbarer Albtraum für Minimalisten. Von den Wänden und der Decke hängen unzählige Reliquien einer vergangenen Zeit. Alte Musikinstrumente, verstaubte Holzfiguren, Schilder, Wagenräder und Kuriositäten, die über Jahrzehnte von Stammgästen und dem Inhaber zusammengetragen wurden. Das gedimmte Licht und der schwere Geruch nach Tabak und gelebtem Leben schaffen eine Atmosphäre, die man so nur noch selten findet.
Doch die Seele des Schlawinchens ist sein Publikum. An der hölzernen Bar sitzen Kreuzberger Urgesteine, die seit den 70ern kommen, neben jungen Studenten, die ihre erste Nacht im Kiez durchmachen. Touristen aus aller Welt mischen sich unter Handwerker im Feierabendbier-Modus. Es ist ein Ort der absoluten Unterschiede und Gemeinsamkeiten. Man kommt ins Gespräch, man teilt sich den Aschenbecher, und man duzt sich.
Vom Kickertisch zum Hafen für Nachtgestrandete

Ein weiteres Highlight sind die legendären Tischkicker. In einem hinteren Raum stehen zwei Tische, an denen oft bis aufs Blut – aber immer fair – gekämpft wird. Hier werden Karrieren geschmiedet und Freundschaften besiegelt.
Das Schlawinchen ist ungeschönt, laut, verraucht und ehrlich. Wer das echte, raue Berlin spüren möchte, das jenseits der Hochglanz-Fassaden existiert, kommt an diesem Unikat nicht vorbei. Es ist der Hafen für alle Gestrandeten der Nacht und der Beweis dafür, dass die Berliner Schnauze noch immer ein Zuhause hat und hoffentlich für immer haben wird.